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Aus
allen Ecken der Schweiz und aus 25 andern Ländern kam die fröhliche
Schar nach Interlaken angereist, um das hundertjährige Jubiläum
der Einführung des Bahá’í-Glaubens in diesem
Land zu feiern. Unter den Gästen waren viele Freunde, welche
massgeblich zur Entwicklung dieser Gemeinde beigetragen haben.
Die Wahl für den Tagungsort war auf die Bergstadt Interlaken
gefallen, weil dieser Ort dem Herzen Shoghi Effendis so teuer gewesen
war. Er hatte die Schweizer Gemeinde gehegt und gestärkt in
all den wichtigen Jahren ihres Entstehens und für sich selber
in den umliegenden Bergen einige rare Augenblicke der Erholung von
seiner schweren Bürde gefunden.
Die allererste Bahá’í, die in der Schweiz wohnhaft
wurde, war eine Französisch-Amerikanerin, Frau Edith MacKaye
(1879-1959). Sie hatte von dieser Religion in Paris durch eine junge
Amerikanerin, Frau May Bolles, erfahren und unmittelbar entschieden,
dass diese Botschaft der Einheit der Menschheit ihre Führung
im Leben sein sollte. Dies war im Jahre 1900. Während eines
Ferienaufenthaltes 1902 im Walliser Rhonetal lernte sie ihren künftigen
Ehemann kennen, einen Zahnarzt aus der Gegend, Dr. Joseph de Bons
(1871-1959), welcher die Neue Botschaft ebenfalls annahm. Das Ehepaar
de Bons [Foto] besuchte ‘Abdu’l-Bahá
1906 in Palästina, als Er immer noch ein Gefangener des Osmanischen
Reiches war. An der Interlakener Feier erzählte die Enkelin
von Dr. und Frau de Bons-MacKaye die Geschichte ihrer Grosseltern
in bewegenden Worten.
Einer der ersten Bahá’í in der Schweiz –
und zweifellos das berühmteste Mitglied dieser Gemeinde bis
heute – war Professor Auguste Forel [Foto].
Dieser weltbekannte Psychiater und Philosoph nahm den Glauben 1920
an. In seinem Testament schreibt er:
„Erst 1920 habe ich ... die überkonfessionale Weltreligion
der Bahá’í kennengelernt, die von dem Perser
Bahá’u’lláh vor über 75 Jahren im
Orient gegründet wurde. Sie ist die wahre Religion des Wohls
der menschlichen Gesellschaft, hat weder Dogmen noch Priester und
verbindet alle Menschen miteinander, die auf dieser kleinen Erdkugel
leben. Ich bin Bahá’í geworden. Möge diese
Religion fortleben und von Erfolg gekrönt sein zum Wohle der
Menschheit; dies ist mein heissester Wunsch.“
Forels Enkelin, Frau Annemarie Krüger, die 1918 in dessen Haus
im kleinen Dorf Yvorne geboren worden war, nahm ebenfalls an der
Feier teil. Sie war von Sofia, wo sie seit zwei Jahrzehnten auf
Aufbau der Bulgarischen Gemeinde mithilft, nach Interlaken gekommen.
Sie war übrigens auch die erste Bahá’í
in Moldawien, wodurch sie sich den Titel einer „Ritterin Bahá’u’lláhs“
erwarb.
Während des Zweiten Weltkriegs leistete die Schweizer Gemeinde
einen bemerkenswerten Beitrag. Als der Bahá’í-Glauben
von Nazi-Deutschland verboten worden war, stellte die Handvoll Schweizer
Bahá’í plötzlich eine Festung inmitten
Europas dar für diese Botschaft des Friedens. Sie fuhren fort,
Bahá’í-Schriften auf Deutsch zu veröffentlichen
und schafften es, dass bei Kriegsende ein Vorrat von deutschsprachigen
Büchern zur Verfügung stand, um den Bedarf an Bahá’í-Schriften
zu decken, die unter der Nazi-Herrschaft beschlagnahmt und vernichtet
worden waren. Zu dieser Handvoll Schweizer Gläubiger jener
Zeit gehörte Herr Fritz Semle. Er hatte als Sohn deutscher
Eltern am Ersten Weltkrieg teilnehmen und dessen Schrecken durchmachen
müssen und lernte diese Religion 1920 kennen, nahm sie sofort
an und widmete sein Leben der Umsetzung dieser Botschaft des Weltfriedens,
unter anderem durch Kinderheime, die er mit seiner Gattin gründete.
Sein Sohn Niels war ebenfalls in Interlaken anwesend, um Erinnerungen
an seinen Vater zu teilen und dessen Leben des Dienstes am Bahá’í-Glauben
in der Schweiz und für die moralische Erziehung von Generationen
von Kindern und Jugendlichen zu würdigen.
Die Schweizer Bahá’í-Gemeinde ist heute in etwa
220 Ortschaften im ganzen Land verteilt und setzt sich zusammen
aus Mitgliedern von unterschiedlichster Volkszugehörigkeit
oder kulturellem, sprachlichem und religiösem Hintergrund zusammen.
Tatsächlich vereint die Schweizer Bahá’í-Gemeinde
heute Menschen aus über 60 verschiedenen Ländern zusammen.
Diese Vielfalt trägt zum Reichtum des Gemeindelebens bei. Es
handelt sich aber nicht nur um eine Einbahnstrasse des kulturellen
Austausches, denn Bahá’í aus der Schweiz sind
inzwischen in über 160 Länder und unabhängige Gebiete
in allen Teilen der Erde gereist, um ihre Glaubensgeschwistern bei
ihrem Aufbau von örtlichen oder nationalen Gemeinden zu unterstützen.
Zu einem der hervorstechendsten Merkmale der Schweizer Bahá’í-Gemeinde
wurde ihr Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter.
Tatsächlich wurde sie dafür von der Bundeskanzlerin der
Schweizer Eidgenossenschft, Frau Annemarie Huber-Hotz, beglückwünscht,
als sie an einem kürzlichen Empfang im Rahmen der Hundertjahrfeierlichkeiten
sagte: „...In Ihrer Religion ist die Gleichberechtigung von
Frau und Mann schon immer eine Selbstverständlichkeit gewesen
und Sie haben diese Grundsätze in das Alltagsleben umgesetzt.“
Der Einsatz der Schweizer Gemeinde für die Gleichberechtigung
und die Förderung der Frau wurde am Wochenende dieser Feier
durch zwei Beispiele hervorgehoben:
Unter den Teilnehmerinnen befand sich Frau Renée Bahy-Vuichet,
welcher der Gemeinde 1949 beigetreten war. Kurz darauf siedelte
sie mit ihrem Gatten nach Iran, wo sie sich tatkräftig für
Förderung der Erziehung von Kindern – Knaben wie Mädchen
gleichermassen – und für den Fortschritt der Frauen einsetzte.
Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 1960 gehörte sie zu
den Gründungsmitgliedern der Schweizer Vereinigung der Bahá’í-Frauen.
In Interlaken war Frau Bahy in Begleitung ihrer zwei Töchter,
vier Enkelinnen und einer Urenkelin [Foto].
Ein anderes Beispiel für die Errungenschaften der Schweizer
Bahá’í-Gemeinde auf dem Gebiet der Gleichberechtigung
der Geschlechter findet sich in der Rolle, welche Frauen im gewählten
nationalen Führungsgremium spielten und spielen. Bereits 1953,
als der erste Nationale Geistige Rat gewählt wurde, bestand
er aus vier Männern und fünf Frauen women [Foto],
darunter die Tochter von Edith de Bons, der ersten Schweizer Bahá’í.
In der laufenden Amtszeit des Rates lautet das Verhältnis Frauen–Männer
6:3. Im Verlaufe ihres 50jährigen Bestehens dienten 57 Personen
in dieser Institution, davon waren 29 Frauen und 28 Männer.
Es ist festzuhalten, dass dieses bemerkenswerte Ergebnis nicht durch
ein künstlichen Quotensystem oder Zwangsregelungen zustande
kam, sonder allein als natürliche Auswirkung des Bahá’í-Wahlverfahrens.
In seinem Schlusswort zu diesem historischen Wochenende rief der
Nationale Geistige Rat die Teilnehmenden auf, sich von all denen,
die den Pfad bereitet haben, inspirieren und bestärken zu lassen
und grosse und dauerhafte Dienste für die Menschheit zu leisten,
jede und jeder gemäss ihren und seinen eigenen Fähigkeiten.
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