Bahá'í Schweiz
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Das zwanzigste Jahrhundert hinterliess ein bleibendes Vermächtnis. Es rang den Völkern der Welt ab, sich zunehmend als Glieder einer unteilbaren Menschheit und die Erde als ihre gemeinsame Heimat zu empfinden. Unaufhörlich verdunkeln Gewalt und Auseinandersetzungen den Horizont; gleichwohl schwinden allenthalben Vorurteile, die ehedem dem Wesen des Menschen wie angeboren schienen. Mit ihnen fallen auch Schranken, die die Menschheitsfamilie seit langem spalten — in ein Babel unvereinbarer Identitäten, entzweit durch kulturelle, ethnische oder nationale Herkunft. Dass eine so tiefgreifende Wandlung sich in so kurzer Zeit — aus historischer Sicht praktisch über Nacht — vollziehen konnte, lässt das Ausmass künftiger Möglichkeiten erahnen.

Institutionalisierte Religion, deren einzige Daseinsberechtigung im Dienst an der Sache der Brüderlichkeit und des Friedens liegt, ist tragischerweise allzu oft die grösste Hürde auf diesem Weg. Um eine besonders schmerzliche Tatsache anzuführen: Schon lange leidet die Glaubwürdigkeit der Religion unter dem religiösen Fanatismus. Wir fühlen uns in der Verantwortung; als oberstes Gremium einer der Weltreligionen fordern wir dazu auf, aufrichtig darüber nachzudenken, welche Herausforderung religiöser Führung hieraus erwächst. Das Problem wie die daraus erwachsenen Konsequenzen erfordern ein offenes Wort. Wir vertrauen darauf, dass der gemeinsame Dienst am Transzendenten dafür bürgt, dass unser im Geiste des guten Willens geäussertes Zeugnis in gleicher Weise entgegengenommen wird.

Besonders deutlich wird das Problem, wenn man bedenkt, was auf anderen Gebieten erreicht wurde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, galt die Frau in der Vergangenheit als minderwertig. Abergläubische Vorstellungen rankten sich um ihr Wesen. Dazu degradiert, den Bedürfnissen des Mannes zu dienen, wurde ihr jede Chance zur Entfaltung ihrer geistigen Möglichkeiten genommen. Noch immer gibt es Gesellschaften, in denen derartige Strukturen herrschen, ja fanatisch verfochten werden. Im globalen Diskurs jedoch hat die Idee der Gleichberechtigung der Geschlechter praktisch bereits den Status eines universal anerkannten Prinzips erlangt, ähnlich wie für die grosse Mehrheit in Medien und Wissenschaft. Die Wortführer männlichen Vorrangs finden angesichts dieser grundlegenden Kehrtwende kaum noch Unterstützung bei verantwortungsvollen Meinungsbildnern.

Ähnlich ergeht es den in die Defensive gedrängten Verfechtern des Nationalismus. Mit jeder internationalen Krise fällt es den Bürgern nämlich leichter, zwischen einem gesunden Patriotismus und aufwieglerischen Hetztiraden, die nur Hass und Angst vor dem Fremden schüren sollen, zu unterscheiden. Selbst dort, wo man an gängigen nationalen Ritualen teilzunehmen hat, scheiden sich die Geister: Gegenüber den altbekannten Bekundungen patriotischer Überzeugungen und Gefühle zeigt sich die Öffentlichkeit heutzutage oft betreten und peinlich berührt. Der unentwegt fortschreitende Umbau der internationalen Ordnung verstärkt diesen Effekt. Bei allen Mängeln im gegenwärtigen System der Vereinten Nationen, bei aller Einschränkung ihrer Fähigkeit, gemeinsam militärisch gegen Aggressoren vorzugehen — niemand kann leugnen, dass der Fetisch absoluter nationaler Souveränität dahinschwindet.

Nicht besser erging es rassischen und ethnischen Vorurteilen: Für derartige Anmassungen kennt die öffentliche Meinung heute keine Nachsicht mehr. Hier grenzte man sich besonders entschlossen von der Vergangenheit ab. Rassismus ist heute durch seine Verknüpfung mit den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts derart negativ belegt, dass er gewissermassen den Charakter einer Geisteskrankheit angenommen hat. Zwar haben rassische Vorurteile in vielen Teilen der Welt in Form sozialer Gesinnung überlebt — und vergällen so einem erheblichen Teil der Menschheit das Leben — doch werden sie heute grundsätzlich so allseitig verurteilt, dass keine Gruppe sich mehr unbesorgt erlauben kann, damit identifiziert zu werden.

Doch keineswegs ist die dunkle Vergangenheit bereits ausgelöscht und plötzlich eine neue Welt des Lichts geboren. Unzählige Menschen leiden noch immer an den Folgen tief verwurzelter Vorurteile wegen der Volkszugehörigkeit, des Geschlechts, der Nation, Kaste oder Klasse. Alles deutet darauf hin, dass sich dieses Unrecht noch lange behaupten wird; nur langsam gewinnen Einrichtungen und Regeln an Wirkung, von der Menschheit erdacht, um eine neue Ordnung ihrer Beziehungen aufzubauen und das Leid der Unterdrückten zu lindern. Aber eine Schwelle ist überschritten, von der es keinen glaubwürdigen Weg zurück mehr gibt. Grundlegende Prinzipien wurden mit breiter öffentlicher Aufmerksamkeit diskutiert und formuliert; sie halten schrittweise Einzug in Institutionen, die sie gesellschaftlich durchsetzen können. So langwierig und schmerzvoll das Ringen auch ist, es gibt keinen Zweifel daran, dass in der Folge die Beziehungen zwischen allen Völkern an der Basis revolutioniert werden.

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