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Das
zwanzigste Jahrhundert hinterliess ein bleibendes Vermächtnis.
Es rang den Völkern der Welt ab, sich zunehmend als Glieder
einer unteilbaren Menschheit und die Erde als ihre gemeinsame Heimat
zu empfinden. Unaufhörlich verdunkeln Gewalt und Auseinandersetzungen
den Horizont; gleichwohl schwinden allenthalben Vorurteile, die
ehedem dem Wesen des Menschen wie angeboren schienen. Mit ihnen
fallen auch Schranken, die die Menschheitsfamilie seit langem spalten
in ein Babel unvereinbarer Identitäten, entzweit durch
kulturelle, ethnische oder nationale Herkunft. Dass eine so tiefgreifende
Wandlung sich in so kurzer Zeit aus historischer Sicht praktisch
über Nacht vollziehen konnte, lässt das Ausmass
künftiger Möglichkeiten erahnen.
Institutionalisierte Religion, deren einzige Daseinsberechtigung
im Dienst an der Sache der Brüderlichkeit und des Friedens
liegt, ist tragischerweise allzu oft die grösste Hürde
auf diesem Weg. Um eine besonders schmerzliche Tatsache anzuführen:
Schon lange leidet die Glaubwürdigkeit der Religion unter dem
religiösen Fanatismus. Wir fühlen uns in der Verantwortung;
als oberstes Gremium einer der Weltreligionen fordern wir dazu auf,
aufrichtig darüber nachzudenken, welche Herausforderung religiöser
Führung hieraus erwächst. Das Problem wie die daraus erwachsenen
Konsequenzen erfordern ein offenes Wort. Wir vertrauen darauf, dass
der gemeinsame Dienst am Transzendenten dafür bürgt, dass
unser im Geiste des guten Willens geäussertes Zeugnis in gleicher
Weise entgegengenommen wird.
Besonders deutlich wird das Problem, wenn man bedenkt, was auf anderen
Gebieten erreicht wurde. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, galt die
Frau in der Vergangenheit als minderwertig. Abergläubische
Vorstellungen rankten sich um ihr Wesen. Dazu degradiert, den Bedürfnissen
des Mannes zu dienen, wurde ihr jede Chance zur Entfaltung ihrer
geistigen Möglichkeiten genommen. Noch immer gibt es Gesellschaften,
in denen derartige Strukturen herrschen, ja fanatisch verfochten
werden. Im globalen Diskurs jedoch hat die Idee der Gleichberechtigung
der Geschlechter praktisch bereits den Status eines universal anerkannten
Prinzips erlangt, ähnlich wie für die grosse Mehrheit
in Medien und Wissenschaft. Die Wortführer männlichen
Vorrangs finden angesichts dieser grundlegenden Kehrtwende kaum
noch Unterstützung bei verantwortungsvollen Meinungsbildnern.
Ähnlich ergeht es den in die Defensive gedrängten Verfechtern
des Nationalismus. Mit jeder internationalen Krise fällt es
den Bürgern nämlich leichter, zwischen einem gesunden
Patriotismus und aufwieglerischen Hetztiraden, die nur Hass und
Angst vor dem Fremden schüren sollen, zu unterscheiden. Selbst
dort, wo man an gängigen nationalen Ritualen teilzunehmen hat,
scheiden sich die Geister: Gegenüber den altbekannten Bekundungen
patriotischer Überzeugungen und Gefühle zeigt sich die
Öffentlichkeit heutzutage oft betreten und peinlich berührt.
Der unentwegt fortschreitende Umbau der internationalen Ordnung
verstärkt diesen Effekt. Bei allen Mängeln im gegenwärtigen
System der Vereinten Nationen, bei aller Einschränkung ihrer
Fähigkeit, gemeinsam militärisch gegen Aggressoren vorzugehen
niemand kann leugnen, dass der Fetisch absoluter nationaler
Souveränität dahinschwindet.
Nicht besser erging es rassischen und ethnischen Vorurteilen: Für
derartige Anmassungen kennt die öffentliche Meinung heute keine
Nachsicht mehr. Hier grenzte man sich besonders entschlossen von
der Vergangenheit ab. Rassismus ist heute durch seine Verknüpfung
mit den Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts derart negativ belegt,
dass er gewissermassen den Charakter einer Geisteskrankheit angenommen
hat. Zwar haben rassische Vorurteile in vielen Teilen der Welt in
Form sozialer Gesinnung überlebt und vergällen
so einem erheblichen Teil der Menschheit das Leben doch werden
sie heute grundsätzlich so allseitig verurteilt, dass keine
Gruppe sich mehr unbesorgt erlauben kann, damit identifiziert zu
werden.
Doch keineswegs ist die dunkle Vergangenheit bereits ausgelöscht
und plötzlich eine neue Welt des Lichts geboren. Unzählige
Menschen leiden noch immer an den Folgen tief verwurzelter Vorurteile
wegen der Volkszugehörigkeit, des Geschlechts, der Nation,
Kaste oder Klasse. Alles deutet darauf hin, dass sich dieses Unrecht
noch lange behaupten wird; nur langsam gewinnen Einrichtungen und
Regeln an Wirkung, von der Menschheit erdacht, um eine neue Ordnung
ihrer Beziehungen aufzubauen und das Leid der Unterdrückten
zu lindern. Aber eine Schwelle ist überschritten, von der es
keinen glaubwürdigen Weg zurück mehr gibt. Grundlegende
Prinzipien wurden mit breiter öffentlicher Aufmerksamkeit diskutiert
und formuliert; sie halten schrittweise Einzug in Institutionen,
die sie gesellschaftlich durchsetzen können. So langwierig
und schmerzvoll das Ringen auch ist, es gibt keinen Zweifel daran,
dass in der Folge die Beziehungen zwischen allen Völkern an
der Basis revolutioniert werden.
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