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Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sah es so aus, als seien es vor allem religiöse Vorurteile, die den Kräften des Wandels erliegen würden. Der wissenschaftliche Fortschritt im Westen ging mit den tragenden Pfeilern religiöser Ausschliesslichkeitsansprüche bereits hart ins Gericht. Angesichts einer veränderten Selbstwahrnehmung der Menschheit wurde der interreligiöse Dialog als vielversprechendste neue religiöse Entwicklung wahrgenommen. Selbst die ambitionierten Organisatoren der Weltausstellung 1893 in Chicago waren überrascht, als hier das berühmte „Parlament der Religionen“ ins Leben gerufen wurde — jene Vision geistigen und moralischen Einvernehmens, die die Fantasie der Menschen auf allen Kontinenten einnahm und der es sogar gelang, die auf der Ausstellung gefeierten wissenschaftlichen, technologischen und wirtschaftlichen Wunder in den Schatten zu stellen.

Kurz, es schien, als seien uralte Mauern gefallen. Nach Meinung gewichtiger Religionsphilosophen war diese Versammlung einzigartig, „ohnegleichen in der Weltgeschichte“. Das Parlament, so sagte dessen Organisator, hatte „die Welt von der Bigotterie befreit“. Eine kreative Führerschaft, so wurde voll Zuversicht vorausgesagt, würde diese Gelegenheit ergreifen und in den schon lange entzweiten religiösen Gemeinden der Welt einen Geist der Brüderlichkeit erwecken, um die für die neue Welt des Wohlstands und Fortschritts notwendigen moralischen Grundwerte bereitzustellen. Dadurch ermutigt, wuchsen und gediehen die unterschiedlichsten interreligiösen Bewegungen. In vielen Sprachen machte umfangreiche Literatur eine immer breitere Öffentlichkeit, Gläubige wie Nicht–Gläubige, mit den Lehren aller grossen Religionen vertraut und schuf ein Interesse, das später auch durch Rundfunk, Film, Fernsehen und schliesslich das Internet aufgegriffen wurde. Hochschulen führten Studiengänge in Vergleichender Religionswissenschaft ein. Gegen Ende des Jahrhunderts wurden interreligiöse Andachten, noch ein paar Jahrzehnte zuvor undenkbar, zu etwas Alltäglichem.

Leider fehlt es diesen Initiativen eindeutig an intellektueller Kohärenz wie an geistiger Verbindlichkeit. Im Gegensatz zu den Einigungsprozessen, die alle sonstigen gesellschaftlichen Bereiche umwälzen, erfährt die Idee, dass alle grossen Religionen der Welt ihrem Wesen und Ursprung nach gleichwertig sind, hartnäckigen Widerstand durch unbewegliches sektiererisches Denken. Der Fortschritt in der Rassenintegration beruht weder auf blossem Gefühlsüberschwang noch auf kühlem Kalkül, vielmehr erwächst er aus der Erkenntnis, dass die Völker der Welt eine einzige Art bilden. Dabei bieten die je konkreten Rassenmerkmale für sich genommen weder Vor- noch Nachteile. Ganz analog veranlasste die Emanzipation der Frau, Institutionen und die öffentliche Meinung anzuerkennen, dass es nicht mehr akzeptabel ist — weder aus biologischen, sozialen oder moralischen Gründen —, der Frau die volle Gleichberechtigung mit dem Mann und Mädchen dieselben Bildungsmöglichkeiten wie Jungen vorzuenthalten. Und schliesslich: bei aller Wertschätzung der Beiträge, die einige Nationen zur Formung einer sich herausbildenden Weltkultur leisten — der klassische Trugschluss, wonach andere Nationen nur wenig oder gar nichts zu diesen Bemühungen beizutragen haben, ist nicht mehr zu halten.

Eine so grundsätzliche Neuorientierung scheinen die religiösen Häupter in aller Regel nicht vornehmen zu können. Andere Segmente der Gesellschaft nehmen die Folgerungen der Einheit der Menschheit als unausweichlichen nächsten Schritt für den Fortschritt unserer Zivilisation bereitwillig auf. Sie sehen darin auch die Summe und Erfüllung jeglicher Art partikularer Identitäten, die das Menschengeschlecht in diesem entscheidenden Augenblick in die gemeinsame Geschichte einbringt. Religiöse Institutionen jedoch stehen grösstenteils wie gelähmt an der Schwelle zur Zukunft, gefangen in eben dem Dogmatismus und den Ausschliesslichkeitsansprüchen, die schon früher die Ursache verheerender Auseinandersetzungen waren und die Völker entzweiten.

Die Folgen für das Gemeinwohl sind verheerend. Wir brauchen sicher nicht im Detail auf die Schrecken einzugehen, mit denen noch heute viele unglückliche Völker heimgesucht werden; sie sind Folge fanatischer Übergriffe, die dem Namen jeder Religion Schande machen. Es handelt sich im Übrigen auch keineswegs um ein modernes Phänomen. Die europäischen Religionskriege seit dem 16. Jahrhundert, um nur ein Beispiel zu nennen, kosteten diesen Kontinent etwa dreissig Prozent seiner gesamten Bevölkerung. Man muss sich fragen, welche Früchte der blinde religiöse Dogmatismus, die Ursache dieser Konflikte, langfristig im Bewusstsein der Menschen hervorbrachte.

Zu diesem Komplex gehört auch ein weiterer Verrat an unserem Geistesleben. Die Religion beraubte sich hierdurch, mehr als durch alles andere, ihrer ureigensten Fähigkeit, bei der Gestaltung der Welt eine entscheidende Rolle zu spielen. Durch sinnlose Beschäftigungen blockiert, hielten religiöse Institutionen uns nämlich allzu oft von dem ab, worin wir uns doch eigentlich auszeichnen: die Wirklichkeit zu enträtseln und von unserem Verstand Gebrauch zu machen. Es hilft wenig bei der Bewältigung der gegenwärtigen moralischen Krise, wenn religiöse Institutionen mit schönen Worten den Materialismus oder Terrorismus verurteilen, wenn sie nicht gleichzeitig offen eingestehen, dass sie ihrer Verantwortung nicht nachgekommen sind und die gläubigen Massen derartigen Einflüssen schutzlos ausgesetzt haben.

Solche Überlegungen sind schmerzlich. Sie sind weniger als Anklage zu verstehen; vielmehr sollen sie die aussergewöhnliche Kraft der Religion in Erinnerung rufen. Religion reicht in den Urgrund all unseres Wollens. Wo sie dem Geist und dem Vorbild jener transzendenten Gestalten treu war, die der Welt ihre grossen Glaubenssysteme brachten, erweckte sie in ganzen Völkern die Befähigung zu lieben, zu vergeben, Neues zu schaffen, Grossartiges zu wagen, Vorurteile zu überwinden, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen und die Impulse niederer Instinkte zu zügeln. Ohne Frage ist die prägende Kraft der Zivilisierung des Menschlichen seit je im Einfluss einer bis zu den Anfängen der Geschichtsschreibung zurückreichenden Kette von Manifestationen des Göttlichen zu sehen.

Die gleiche Prägekraft, die in der Vergangenheit eine so grosse Wirkung hatte, bleibt auch heute eine unwandelbare Eigenheit menschlichen Bewusstseins. Sie gibt — entgegen allen Erwartungen und unter ungünstigen Voraussetzungen — noch immer Millionen von Menschen Kraft im täglichen Überlebenskampf; auf der ganzen Erde bringt sie Helden und Heilige hervor, die glaubwürdig und überzeugend jene Prinzipien vorleben, die in den Schriften ihres jeweiligen Glaubens niedergelegt sind. Wie die Kulturgeschichte zeigt, kann die Religion überdies das Gefüge sozialer Beziehungen wesentlich beeinflussen. Jedenfalls kann man sich wohl kaum einen entscheidenden zivilisatorischen Aufstieg vorstellen, der seine moralische Triebkraft nicht aus dieser urewigen Quelle gewonnen hätte. Ist es somit überhaupt denkbar, dass das Meisterstück eines Jahrtausende währenden Prozesses der Gestaltung des Planeten in einem geistigen Vakuum erreicht werden kann? Wenn die abnormen Ideologien, die im gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert unsere Welt heimsuchten, auch sonst nichts Gutes bewirkten, so haben sie doch eins gezeigt: die Probleme sind offensichtlich nicht allein durch die Kraft der menschlichen Erkenntnis zu lösen.

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