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Die
Konsequenzen dieser folgenreichen Einsicht für die heutige
Zeit wurde von Baháulláh bereits vor über
einem Jahrhundert in folgenden, inzwischen wohlbekannten Worten
zusammengefasst:
Die Völker der Welt, welcher Rasse oder
Religion sie auch angehören, verdanken ihre Erleuchtung derselben
himmlischen Quelle. Sie sind einem einzigen Gott untertan. Unterschiede
der Regeln und Riten, denen sie folgen, müssen den wechselnden
Erfordernissen und Bedürfnissen der Zeitalter zugeschrieben
werden, in denen sie offenbart wurden. Alle bis auf wenige, die
aus menschlichen Launen entstanden, wurden von Gott verfügt
und sind eine Widerspiegelung Seines Willens und Zieles. Erhebt
euch und zerschlagt, bewaffnet mit der Kraft des Glaubens, die Götzen
eures leeren Wahns, die Zwietracht unter euch säen. Haltet
euch an das, was euch zusammenführt und eint.
Ein solcher Mahnruf nötigt nicht dazu, den Glauben an die grundlegenden
Wahrheiten irgendeines der grossen Glaubenssysteme der Welt aufzugeben.
Ganz im Gegenteil. Glaube befiehlt sich selbst und rechtfertigt
sich selbst. Was andere glauben oder nicht glauben, darf auf ein
persönliches Gewissen, das diesen Namen verdient, keinen Einfluss
haben. Obige Worte drängen jedoch unmissverständlich zur
Aufgabe aller Superioritäts-, Ausschliesslichkeit- und Endgültigkeitsansprüche,
die mit ihrem erdrückenden Ungeist mehr als alles andere jeden
Einigungsimpuls zunichte machen und Hass und Gewalt schüren.
Auf genau diese historische Herausforderung, so glauben wir, müssen
die Häupter der Religionen jetzt antworten, wenn religiöse
Leitung in der aus den umwälzenden Erfahrungen des zwanzigsten
Jahrhunderts hervorgehenden globalen Gesellschaft noch Bedeutung
haben soll. Ganz offensichtlich erkennt eine wachsende Zahl von
Menschen mittlerweile, dass die allen Religionen zugrunde liegende
Wahrheit dem Wesen nach eine ist. Diese Einsicht entsteht nicht
als Ergebnis theologischer Dispute, sondern als intuitive Erkenntnis
aus den immer ausgedehnteren Erfahrungen mit anderen und der allmählich
dämmernden Anerkennung der Einheit der Menschheitsfamilie.
Aus vergangenen Zeiten ist eine Unzahl religiöser Lehrsätze,
Rituale und Gesetze überliefert; aus ihnen erwächst heute
eine Ahnung davon, dass geistiges Leben wie die Einheit,
die sich in verschiedenen Nationalitäten, Rassen und Kulturen
manifestiert eine grenzenlose, für jedermann gleichermassen
zugängliche Wirklichkeit ist. Damit diese diffuse und noch
vorläufige Einsicht sich vertiefen und wirksam zum Aufbau einer
friedlichen Welt beitragen kann, ist sie von jenen, bei denen die
Massen der Welt selbst zu so später Stunde noch Führung
suchen, aus vollem Herzen zu bestätigen.
Hinsichtlich sozialer Vorschriften und Gebetsformen gibt es sicherlich
erhebliche Unterschiede zwischen den grossen religiösen Traditionen
der Welt. Es könnte wohl auch kaum anders sein, angesichts
tausender von Jahren, in denen jeweils aufeinander folgende Religionen
den wechselnden Erfordernissen einer sich ständig weiter entwickelnden
Zivilisation entsprachen. Tatsächlich scheint den Schriften
der meisten grossen Religionen ein evolutionäres Verständnis
von Religion zugrunde zu liegen. Allerdings wurde kulturelles Erbe,
ursprünglich für die Bereicherung der geistigen Erfahrung
gedacht, zur Erzeugung von Vorurteilen und Unfrieden missbraucht;
dies ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Es bleibt die wichtigste
Aufgabe einer jeden Seele, die Wirklichkeit zu erforschen und in
Übereinstimmung mit den Wahrheiten zu leben, von denen sie
sich überzeugt hat, sowie den Bemühungen anderer, die
sich um dasselbe bemühen, vollen Respekt zu zollen.
Man könnte einwenden, der Gedanke, alle grossen Religionen
seien in ihrem Ursprung gleichermassen als göttlich anzuerkennen,
führe zum Übertritt zahlreicher Menschen von einem Glauben
zum anderen, oder würde dies zumindest erleichtern. Ob das
nun stimmt oder nicht, mit Sicherheit ist dies nur von geringer
Bedeutung angesichts der Möglichkeiten, die die Geschichte
nunmehr für die eröffnet, die sich einer über das
Irdische hinausgehenden Welt bewusst sind und angesichts
der Verantwortung, die ein solches Bewusstsein auferlegt. Die Bildung
einer moralischen Persönlichkeit, eines guten Charakters, zu
fördern davon legt jede der grossen Religionen eindrucksvoll
ein glaubwürdiges Zeugnis ab. Ebenso kann niemand ernsthaft
behaupten, dass ein bestimmtes Glaubenssystem durch seine Lehrsätze
mehr Bigotterie und Aberglauben verursacht habe als ein anderes.
In einer zusammenwachsenden Welt ist es dann nur natürlich,
dass Interessen und Zusammenschlüsse einem ständigen Wandel
unterworfen sind. Es ist die Aufgabe von Institutionen gleich
welcher Art mit diesen Prozessen so umzugehen, dass sie letztlich
zur Einheit beitragen. Die Garantie dafür, dass am Ende ein
tragfähiges Ergebnis erreicht wird geistig, moralisch
und sozial , liegt im unerschütterlichen Glauben der
ungehörten Massen der Erdenbewohner, dass das Universum nicht
von menschlichen Launen regiert wird, sondern von einer liebenden,
unfehlbaren Vorsehung.
Mit dem Zusammenbruch der die Völker trennenden Barrieren erlebt
unsere Zeit auch den Fall der einst unüberwindlichen Mauer,
die, wie man früher annahm, für immer Himmel und Erde
scheiden würde. Die Heiligen Schriften aller Religionen lehren
den Gläubigen seit jeher, den Dienst am Nächsten nicht
nur als moralische Pflicht zu sehen, sondern als einen Pfad, auf
dem die Seele Gott nahen kann. Der fortschreitende Umbau der Gesellschaft
verleiht dieser altbekannten Lehre heute eine neue Bedeutung. So
wie das uralte Versprechen einer von Gerechtigkeit beseelten Welt
langsam den Charakter eines realistischen Zieles annimmt, so erkennt
man zunehmend, dass die Bedürfnisse der individuellen Seele
und die der Gesellschaft zwei sich gegenseitig ergänzende Aspekte
eines erfüllten Lebens sind.
Wenn religiöse Leitung sich der Herausforderung aus dieser
Einsicht stellen will, so muss sie damit beginnen, Religion und
Wissenschaft als die beiden unersetzbaren Erkenntnissysteme anzuerkennen,
durch die sich das Bewusstsein entfaltet. Sie widersprechen sich
nicht, im Gegenteil: als grundlegende Methoden, durch die der Geist
die Wirklichkeit erforscht, sind beide aufeinander angewiesen. In
den seltenen, aber glücklichen Epochen der Geschichte, in denen
ihr komplementäres Wesen erkannt wurde und sie Hand in Hand
arbeiten konnten, waren beide höchst produktiv. Die durch wissenschaftlichen
Fortschritt bedingten Einsichten und Fähigkeiten sollten, um
richtig angewandt zu werden, stets durch geistige und moralische
Bindungen geführt werden; religiöse Überzeugungen
wiederum, wie sehr auch das Herz an ihnen hängen mag, müssen
sich bereitwillig und dankbar einer unvoreingenommenen Überprüfung
durch wissenschaftliche Methoden stellen.
Wir kommen schliesslich zu einem Punkt, den wir mit einem gewissen
Zögern ansprechen, betrifft er doch unmittelbar eine Gewissensfrage.
Die Welt hält viele Prüfungen bereit. Es überrascht
daher nicht, wenn religiöse Funktionsträger besonders
oft in Versuchung geraten, in Glaubensfragen Macht auszuüben.
Niemand, der lange Jahre dem tiefen, ernsthaften Studium der Schriften
einer der grossen Religionen gewidmet hat, muss an die Lebensregel
erinnert werden, dass Macht korrumpieren kann, und um so mehr, je
stärker sie wächst. Die ungerühmten inneren Siege,
die durch alle Zeitalter hindurch von zahllosen Geistlichen auf
diesem Felde gewonnen wurden, gehören zu den hervorragendsten
Kennzeichen der Religion und sind zweifellos eine der wichtigsten
Quellen für ihre schöpferische Kraft. Doch gleichermassen
erliegen andere religiöse Führer den Verlockungen weltlicher
Macht und Vorteilsnahme ein fruchtbarer Nährboden für
Zynismus, Verfall und Hoffnungslosigkeit bei denen, die dies wahrnehmen.
Was dies heute für die gesellschaftliche Verantwortung und
Führungskompetenz der Religionen bedeutet, bedarf keiner näheren
Ausführung.
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