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Die
Verheißung des Weltfriedens
Eine
Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit
an die Völker der Welt
An
die Völker der Welt!
Der Große Friede, auf den durch die Jahrhunderte Menschen
guten Willens ihre Herzen gerichtet, den unzählige Generationen
lang Seher und Dichter in ihren Visionen beschrieben und den die
Heiligen Schriften der Menschheit von Zeitalter zu Zeitalter immer
wieder verheißen haben, ist jetzt endlich in Reichweite der
Nationen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist jedermann imstande,
in einer Gesamtschau den ganzen Planeten mit seiner Vielzahl verschiedener
Völker zu überblicken. Weltfriede ist nicht nur möglich,
sondern unausweichlich. Er ist die nächste Stufe in der Evolution
dieses Planeten - mit den Worten eines großen Denkers: "die
Planetisierung der Menschheit".
Ob
der Friede erst nach unvorstellbaren Schrecken erreichbar ist, heraufbeschworen
durch stures Beharren der Menschheit auf veralteten Verhaltensmustern,
oder ob er heute durch einen konsultativen Willensakt herbeigeführt
wird, das ist die Wahl, vor die alle Erdenbewohner gestellt sind.
Zu diesem kritischen Zeitpunkt, da die hartnäckigen Probleme
der Völker zur gemeinsamen Sorge aller werden, wäre das
Versäumnis, der Flut von Konflikt und Unordnung zu wehren,
gewissenlos und unverantwortlich.
Zu
den günstigen Zeichen gehören die mit ständig wachsender
Kraft auf eine Weltordnung hin unternommenen Schritte: zuerst, zu
Beginn des Jahrhunderts, die Schaffung des Völkerbundes, gefolgt
von der breiter angelegten Organisation der Vereinten Nationen;
die seit dem Zweiten Weltkrieg von der Mehrzahl aller Völker
der Erde erlangte Unabhängigkeit, die anzeigt, daß der
Prozeß der Bildung von Nationalstaaten abgeschlossen ist;
die Einbeziehung dieser jungen Staaten mit den älteren in Angelegenheiten
von gemeinsamem Interesse; in der Folge die stark ansteigende Zusammenarbeit
zwischen bislang isolierten, zerstrittenen Völkern und Gruppen
bei internationalen Unternehmen auf den Gebieten von Wissenschaft,
Bildung, Recht, Wirtschaft und Kultur; die Gründung einer beispiellosen
Zahl internationaler humanitärer Organisationen während
der letzten Jahrzehnte; die Ausbreitung von Frauen- und Jugendbewegungen,
welche die Abschaffung des Krieges fordern; und schließlich
ein spontanes, immer mehr sich ausdehnendes Netzwerk einfacher Menschen,
die durch persönliche Kommunikation Verständigung suchen.
Die
wissenschaftlich-technischen Fortschritte unseres ungewöhnlich
gesegneten Jahrhunderts deuten auf einen gewaltigen Vorstoß
in der gesellschaftlichen Entwicklung des Planeten und zeigen die
Mittel auf, mit denen die praktischen Probleme der Menschheit gelöst
werden können. Sie bieten in der Tat das Werkzeug zur Ordnung
des vielschichtigen Lebens einer vereinten Welt. Doch es bestehen
noch Barrieren. Zweifel, Mißverständnisse, Vorurteile,
Argwohn und engstirniger Eigennutz blockieren die Beziehungen der
Staaten und Völker zueinander.
Aus
tiefempfundener geistiger und moralischer Verantwortung sehen wir
uns zu dieser günstigen Stunde veranlaßt, Ihre Aufmerksamkeit
auf die umfassenden Einsichten zu lenken, die Bahá'u'lláh,
der Stifter der Baha'i-Religion, deren Treuhänder wir sind,
erstmals vor über einem Jahrhundert den Herrschern der Menschheit
übermittelt hat.
"Die
Winde der Verzweiflung", schrieb Bahá'u'lláh,
"wehen aus jeder Richtung, und der Hader, der das Menschengeschlecht
spaltet und peinigt, nimmt täglich zu. Die Zeichen drohender
Erschütterungen und des Chaos sind heute deutlich zu sehen,
zumal die bestehende Ordnung erbärmlich mangelhaft erscheint."
Die gemeinsame Erfahrung der Menschheit hat dieses prophetische
Urteil gründlich bestätigt. Mängel in der bestehenden
Ordnung zeigen sich deutlich im Unvermögen der als Vereinte
Nationen organisierten souveränen Staaten, das Schreckgespenst
des Krieges, den drohenden Zusammenbruch der internationalen Wirtschaftsordnung,
die Ausbreitung von Anarchie und Terrorismus sowie das unermeßliche
Leid zu bannen, das diese und andere Heimsuchungen Abermillionen
Menschen zufügen. Aggression und Konflikt sind tatsächlich
in solchem Ausmaß zu Kennzeichen unserer gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und religiösen Systeme geworden, daß
viele der Ansicht verfielen, derartiges Verhalten sei ein Wesensmerkmal
des Menschen und deshalb unausrottbar.
Mit
der Verfestigung dieser Ansicht ergab sich ein lähmender Widerspruch:
Einerseits verkünden Menschen aller Völker nicht nur ihre
Bereitschaft, sondern ihre Sehnsucht nach Frieden und Eintracht,
nach einem Ende der quälenden Furcht, die ihr tägliches
Leben peinigt. Andererseits findet die These unkritische Zustimmung,
der Mensch sei unverbesserlich selbstsüchtig, aggressiv und
deshalb unfähig, eine Gesellschaftsordnung zu errichten, die
zugleich fortschrittlich und friedlich, dynamisch und harmonisch
ist, eine Ordnung, die der individuellen Kreativität und Initiative
freien Lauf läßt, aber auf Zusammenarbeit und Gegenseitigkeit
beruht.
Da die Notwendigkeit des Friedens immer dringender wird, verlangt
dieser seiner Verwirklichung im Wege stehende, grundlegende Widerspruch
eine Überprüfung der Prämissen, auf denen nach allgemeiner
Ansicht das historische Dilemma der Menschheit beruht. Bei sachlicher
Prüfung erweist es sich, daß jene Haltung keineswegs
des Menschen wahres Wesen ausdrückt, sondern ein Zerrbild des
menschlichen Geistes darstellt. Hiervon überzeugt, werden alle
Menschen in der Lage sein, konstruktive gesellschaftliche Kräfte
in Bewegung zu setzen, stehen diese doch im Einklang mit der menschlichen
Natur und fördern Eintracht und Zusammenarbeit statt Krieg
und Konflikt.
Einen
solchen Kurs einschlagen, heißt nicht, die Vergangenheit der
Menschheit leugnen, sondern sie verstehen. Die Baha'i-Religion betrachtet
die gegenwärtige Verwirrung in der Welt und den verhängnisvollen
Zustand der menschlichen Belange als natürliche Phase in einem
unaufhaltsamen organischen Prozeß, hin zur Einigung der Menschheit
in einer einzigen Gesellschaftsordnung, deren Grenzen die des Planeten
sind. Wie der Mensch als Einzelwesen, hat die Menschheit als Gattung
die Entwicklungsstufen des Säuglings und des Kindes durchlaufen,
ist nun auf dem Höhepunkt ihrer ungestümen Jugend und
nähert sich ihrer lang erwarteten Mündigkeit.
Das
offene Eingeständnis, daß Vorurteil, Krieg und Ausbeutung
Zeichen der Unreife in einem langen historischen Prozeß waren,
und daß die Menschheit gegenwärtig den unvermeidlichen
Sturm und Drang ihrer kollektiven Reifung erlebt, ist kein Grund
zur Verzweiflung, sondern eine Voraussetzung für das gewaltige
Unternehmen, eine friedliche Welt zu bauen. Daß dieses Unternehmen
möglich ist, daß die erforderlichen konstruktiven Kräfte
wirklich vorhanden sind, daß vereinende Gesellschaftsstrukturen
errichtet werden können, ist die Aussage, um deren Prüfung
wir Sie eindringlich bitten.
Welches
Leid und welchen Aufruhr die nächsten Jahre bringen, wie dunkel
die bevorstehenden Ereignisse auch sein mögen, die Baha'i-Gemeinde
glaubt, daß die Menschheit sich dieser höchsten Prüfung
mit Zuversicht auf das Endergebnis stellen kann. Statt das Ende
der Zivilisation zu signalisieren, werden die Umwälzungen,
denen die Menschheit immer schneller zutreibt, vielmehr dazu dienen,
"die Möglichkeiten, die der Stufe des Menschen innewohnen",
freizulegen und "das volle Maß seiner Bestimmung auf
Erden, den angeborenen Vorzug seiner Wirklichkeit" zu offenbaren.
I.
Die
Gaben, die den Menschen von allen anderen Lebensformen unterscheiden,
lassen sich im Begriff des menschlichen Geistes zusammenfassen;
der Verstand ist seine wesentliche Eigenschaft. Diese Gaben haben
es der Menschheit ermöglicht, Kultur zu schaffen und materiell
zu gedeihen. Aber solche Errungenschaften allein haben den menschlichen
Geist niemals befriedigt, ist er doch von seiner geheimnisvollen
Natur her auf Transzendenz gerichtet, nach einem unsichtbaren Reich
ausgreifend, nach der letzten Wahrheit, dem unerkennbaren Wesen
allen Wesens, Gott genannt. Die der Menschheit durch eine Aufeinanderfolge
geistiger Leuchten gebrachten Religionen bildeten die Hauptverbindung
zwischen der Menschheit und jener letzten Wirklichkeit. Sie haben
die Fähigkeit der Menschheit, geistigen Erfolg wie auch gesellschaftlichen
Fortschritt zu erzielen, geweckt und verfeinert.
Kein
ernst zu nehmender Versuch zur Regelung menschlicher Belange, zur
Schaffung des Weltfriedens, kann die Religion außer acht lassen.
Des Menschen Erkenntnis und Ausübung der Religion bilden größtenteils
den Stoff der Geschichte. Ein bedeutender Historiker hat die Religion
als eine "Fähigkeit der menschlichen Natur" beschrieben.
Daß die Perversion dieser Fähigkeit beträchtlich
zu der Verwirrung in der Gesellschaft und den Konflikten in und
zwischen den Menschen beigetragen hat, kann kaum geleugnet werden.
Aber ein objektiver Betrachter kann auch den entscheidenden Einfluß
der Religion auf die lebendigen Ausdrucksformen der Kultur nicht
unberücksichtigt lassen. Zudem hat ihr unmittelbarer Einfluß
auf Recht und Sitte immer wieder ihre Unentbehrlichkeit für
die gesellschaftliche Ordnung erwiesen.
Über
die Religion als gesellschaftsbildende Kraft sagt Bahá'u'lláh:
"Religion ist das wichtigste Mittel zur Begründung von
Ordnung in der Welt und zur Befriedung aller, die darin wohnen."
In Bezug auf den Niedergang, die Entartung der Religion schrieb
er: "Würde die Lampe der Religion verdunkelt, so wären
Chaos und Verwirrung die Folge, und die Lichter der Redlichkeit
und Gerechtigkeit, der Ruhe und des Friedens würden nicht länger
scheinen." In einer Aufzählung solcher Konsequenzen weisen
die Baha'i-Schriften darauf hin, daß "die Verderbnis
der menschlichen Natur, die Erniedrigung des menschlichen Verhaltens,
die Entartung und Auflösung menschlicher Institutionen sich
unter solchen Umständen in ihren schlimmsten und abstoßendsten
Bildern offenbaren. Der menschliche Charakter wird entwürdigt,
jedes Vertrauen wird erschüttert, die Nervenstränge der
Disziplin und Ordnung erschlaffen, die Stimme des menschlichen Gewissens
wird zum Schweigen gebracht, der Sinn für Scham und Anstand
wird verdunkelt, die Vorstellungen von Pflicht, Zusammenhalt, Gegenseitigkeit
und Treue werden verdreht, selbst das Empfinden für Friedfertigkeit,
Freude und Hoffnung wird nach und nach ausgelöscht."
Wenn darum die Menschheit ein Stadium lähmenden Konflikts erreicht
hat, muß sie die Quelle für die Uneinigkeit und die Verwirrung,
die im Namen der Religion verursacht wurde, bei sich selbst suchen,
bei ihrer eigenen Gleichgültigkeit, bei den Sirenenstimmen,
denen sie lauschte. Wer blind und selbstsüchtig an der eigenen
Orthodoxie festhält, wer seinen Anhängern falsche, widersprüchliche
Auslegungen der Worte der Propheten Gottes auferlegt, trägt
schwere Verantwortung für diese Verwirrung - eine Verwirrung
durch die künstlichen Schranken zwischen Glauben und Vernunft,
Wissenschaft und Religion; denn prüft man unvoreingenommen
die tatsächlichen Worte der großen Religionsstifter und
das gesellschaftliche Umfeld, in dem diese ihre Mission zu erfüllen
hatten, so findet man nichts, was den Streit und die Vorurteile,
welche die Religionsgemeinschaften der Menschheit und damit alle
Belange der Menschen zerrütten, begründen könnte.
Die
Lehre, daß wir andere so behandeln sollen, wie wir selbst
behandelt werden wollen, eine in allen großen Religionen auf
mannigfache Weise wiederholte Ethik, verleiht dieser Beobachtung
in zweierlei Hinsicht Nachdruck: Sie faßt die ethische Grundhaltung
zusammen, den friedenswirkenden Aspekt, der sich durch diese Religionen
hindurchzieht, ungeachtet des Ortes und der Zeit ihrer Entstehung;
sie kennzeichnet außerdem den Aspekt der Einheit als wesenhafte
Eigenschaft der Religion, eine Eigenschaft, welche die Menschheit
in ihrem zusammenhanglosen Geschichtsbild zu würdigen versäumt
hat.
Hätte
die Menschheit die Erzieher ihrer kollektiven Kindheit in ihrem
wahren Wesen gesehen, nämlich als die Triebkraft im Gesamtprozeß
ihrer Kultivierung, dann hätte sie ohne Zweifel unermeßlich
größeren Nutzen aus der kumulativen Wirkung ihrer aufeinanderfolgenden
Missionen gezogen. Leider hat die Menschheit dies versäumt.
Das Wiederaufleben fanatischer religiöser Leidenschaft in vielen
Ländern kann nur als Todeszucken betrachtet werden. Allein
die damit verbundenen Ausbrüche von Gewalt und Zerstörung
zeugen von deren geistigem Bankrott. Tatsächlich ist eines
der seltsamsten, betrüblichsten Merkmale des gegenwärtigen
Ausbruchs von religiösem Fanatismus das Ausmaß, in welchem
er jedes Mal nicht nur die geistigen Werte untergräbt, welche
die Einheit der Menschheit fördern, sondern auch die einzigartigen
moralischen Siege derjenigen Religion, der zu dienen er vorgibt.
Welch
vitale Kraft die Religion in der Geschichte der Menschheit auch
war, wie dramatisch das gegenwärtige Wiederaufleben des militanten
religiösen Fanatismus auch sein mag, Religion und religiöse
Institutionen werden seit vielen Jahrzehnten von immer weiteren
Kreisen der Bevölkerung als irrelevant für die wesentlichen
Fragen der modernen Welt angesehen. Statt dessen geben sich die
Menschen entweder dem hedonistischen Ziel materieller Befriedigung
hin oder folgen von Menschen geschaffenen Ideologien, welche die
Gesellschaft von den offensichtlichen Übeln, unter denen sie
stöhnt, befreien sollen. Anstatt die Einheit der Menschheit
als Grundkonzept zu erfassen und die Eintracht unter den Völkern
zu mehren, neigen leider allzu viele dieser Ideologien dazu, den
Staat zu vergöttern, die übrige Menschheit jeweils einer
Nation, Rasse oder Klasse unterzuordnen, Diskussion und Gedankenaustausch
zu unterdrücken oder Millionen Hungernder gleichgültig
Marktmechanismen preiszugeben, die die wirtschaftliche Misere des
größeren Teils der Menschheit ganz offensichtlich verschlimmern,
während sie kleinen Teilen der Bevölkerung ein Leben in
einem von unseren Vorfahren kaum erträumten Überfluß
ermöglichen.
Wie
erschütternd ist doch der Leistungsnachweis der von den Weltklugen
unseres Zeitalters geschaffenen Ersatzreligionen! In der gründlichen
Desillusionierung ganzer Bevölkerungen, die zum Kult an ihren
Altären unterwiesen waren, läßt sich das unwiderrufliche
Werturteil der Geschichte über sie ablesen. Nach Jahrzehnten
einer immer schrankenloseren Machtausübung derer, die ihren
gesellschaftlichen Aufstieg diesen Doktrinen verdanken, sind deren
Früchte die sozialen und wirtschaftlichen Leiden, mit denen
in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts alle Regionen unserer
Welt geschlagen sind. Die Wurzel all dieser äußerlichen
Bedrängnisse ist der geistige Schaden aus der Apathie, die
in allen Staaten die Masse der Bevölkerung ergriffen hat, das
Erlöschen der Hoffnung in den Herzen beraubter, angsterfüllter
Millionen.
Die
Zeit ist gekommen, daß die Dogmenprediger des Materialismus
- im Osten wie im Westen, im Kapitalismus wie im Sozialismus - Rechenschaft
ablegen müssen über die moralische Führung, die auszuüben
sie sich anmaßen. Wo ist die von diesen Ideologien verheißene
"neue Welt"? Wo ist der internationale Friede, für
dessen Ideale sie ihre Ergebenheit bekunden? Wo sind die durch die
Verherrlichung dieser Rasse, jener Nation oder einer bestimmten
Klasse erzielten Durchbrüche in neue Bereiche der Kulturleistung?
Warum versinkt in unserer Welt der Großteil der Völker
immer tiefer in Hunger und Elend, wenn den heutigen Sachwaltern
der Gesellschaft Reichtum in einem Maße zur Verfügung
steht, von dem die Pharaonen, die Caesaren oder selbst die imperialistischen
Mächte des 19. Jahrhunderts nicht hätten träumen
können?
Ganz
besonders in der Glorifizierung des Trachtens nach materiellen Dingen,
zugleich Ursprung und gemeinsames Merkmal aller dieser Ideologien,
finden sich die Wurzeln der falschen These, der Mensch sei unverbesserlich
selbstsüchtig und aggressiv. Hier muß man ansetzen, um
einer für unsere Nachkommen tauglichen neuen Welt den Boden
zu bereiten.
Die
Erfahrung, daß die Ideale des Materialismus die Bedürfnisse
der Menschheit nicht zu befriedigen vermochten, fordert das ehrliche
Eingeständnis, daß eine neue Anstrengung unternommen
werden muß, Lösungen für die Probleme des Überlebens
auf diesem Planeten zu finden. Die sich in der Gesellschaft ausbreitenden
unerträglichen Verhältnisse zeugen von allgemeinem Versagen,
ein Umstand, der die Gräben auf jeder Seite eher vertieft als
überbrückt. Offensichtlich ist ein gemeinsames Bemühen
um Heilung dringend erforderlich. Es ist vor allem eine Sache der
Einstellung. Wird die Menschheit in ihrem Eigensinn verharren, sich
weiterhin an verbrauchte Konzepte und untaugliche Prämissen
klammern? Oder werden ihre Führer, ungeachtet ihrer Ideologie,
vortreten und entschlossenen Willens miteinander in gemeinsamer
Suche nach sachdienlichen Lösungen beraten?
Wem die Zukunft des Menschengeschlechts am Herzen liegt, der sollte
über diesen Rat gründlich nachdenken: "Wenn lang
gehegte Ideale, wenn altehrwürdige Institutionen, wenn gesellschaftliche
Postulate und religiöse Glaubensbekenntnisse das Wohl der Gesamtheit
aller Menschen nicht mehr fördern, wenn sie den Bedürfnissen
einer sich ständig entwickelnden Menschheit nicht länger
gerecht werden, dann fegt sie hinweg und verbannt sie in die Rumpelkammer
überholter, vergessener Doktrinen! Warum sollten sie in einer
Welt, die dem unabänderlichen Gesetz des Wandels und des Verfalls
unterliegt, von der Entartung verschont bleiben, die alle menschlichen
Einrichtungen zwangsläufig ereilt? Rechtsnormen, politische
und wirtschaftliche Theorien sind nur dazu da, die Interessen der
Menschheit als Ganzes zu schützen; nicht aber ist die Menschheit
dazu da, für die unversehrte Aufrechterhaltung eines bestimmten
Gesetzes oder Lehrsatzes gekreuzigt zu werden."
II.
Die
Abschaffung der Atomwaffen, das Verbot der Verwendung von Giftgas
oder die Ächtung der bakteriellen Kriegsführung werden
die eigentlichen Kriegsursachen nicht beseitigen. Wie wichtig solche
praktischen Maßnahmen als Elemente des Friedensprozesses offensichtlich
auch sind, sie sind zu oberflächlich, um einen dauerhaften
Einfluß auszuüben. Die Völker sind erfinderisch
genug, um noch ganz andere Formen der Kriegsführung zu ersinnen
und in ihrem endlosen Streben nach Vormacht und Herrschaft Nahrungsmittel,
Rohstoffe, Finanzen, industrielle Macht, Ideologie und Terrorismus
als Instrumente zu ihrer gegenseitigen Vernichtung einzusetzen.
Auch läßt sich die gegenwärtige völlige Zerrüttung
in den Angelegenheiten der Menschheit nicht durch die Beilegung
bestimmter Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten zwischen einzelnen
Staaten kurieren. Ein wirklich allumfassender Rahmen muß akzeptiert
werden.
Den
Staatslenkern mangelt es gewiß nicht an der Erkenntnis, daß
es sich hier um eine Angelegenheit von weltweiter Bedeutung handelt,
was angesichts der sich häufenden Probleme, denen sie sich
täglich gegenübersehen, keines weiteren Beweises bedarf.
Auch gibt es in zunehmendem Maße Studien und Lösungsvorschläge
von interessierten, aufgeklärten Gruppen wie auch von Organen
der Vereinten Nationen, so daß niemand über die dringenden
Erfordernisse in Unkenntnis sein kann. Es besteht jedoch eine Willenslähmung,
und gerade diese bedarf sorgfältiger Untersuchungen und entschlossener
Behandlung. Wie festgestellt, hat diese Lähmung ihren Grund
in der tief verwurzelten Überzeugung von der unausrottbaren
Streitsucht des Menschen; diese Überzeugung macht abgeneigt,
die Möglichkeit, nationales Eigeninteresse den Erfordernissen
einer Weltordnung unterzuordnen, auch nur in Erwägung zu ziehen,
geschweige denn, sich den weitreichenden Implikationen einer vereinten
Weltautorität mutig zu stellen. Die Willenslähmung läßt
sich auch zurückführen auf die Unfähigkeit größtenteils
unwissender, unterdrückter Massen, ihre Sehnsucht nach einer
neuen Ordnung, in der sie mit der ganzen Menschheit in Frieden,
Eintracht und Wohlstand leben können, deutlich zum Ausdruck
zu bringen.
Die
zaghaften Schritte auf eine Weltordnung hin - vor allem seit dem
Zweiten Weltkrieg - setzen hoffnungsvolle Zeichen. Die steigende
Tendenz einzelner Staatengruppen, ihren Beziehungen feste Formen
zu geben, was ihnen dann die Zusammenarbeit in Angelegenheiten von
gemeinsamem Interesse ermöglicht, deutet darauf hin, daß
schließlich alle Nationen diese Lähmung überwinden
können. Der Verband Südostasiatischer Staaten, die Karibische
Gemeinschaft und ihr Gemeinsamer Markt, der Zentralamerikanische
Gemeinsame Markt, der Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe,
die Europäischen Gemeinschaften, die Arabische Liga, die Organisation
für Afrikanische Einheit, die Organisation der Amerikanischen
Staaten, das Südpazifische Forum - alle durch solche Organisationen
erbrachten vereinten Bemühungen bereiten den Weg zur Weltordnung.
Die
wachsende Aufmerksamkeit für gewisse grundlegende Probleme
des Planeten ist ein weiteres hoffnungsvolles Zeichen. Trotz der
offensichtlichen Unzulänglichkeit der Vereinten Nationen geben
die über vierzig durch diese Organisation verabschiedeten Erklärungen
und Abkommen, selbst wo Regierungen in ihrem Engagement nicht sehr
enthusiastisch waren, einfachen Menschen das Gefühl eines neuen
Aufschwungs. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, das
Abkommen zur Verhinderung und Bestrafung von Völkermord und
ähnliche Maßnahmen zur Beseitigung aller durch Rasse,
Geschlecht oder Religion begründeten Formen von Diskriminierung,
die Wahrung der Rechte des Kindes, der allgemeine Schutz vor Folter,
die Ausrottung von Hunger und Unterernährung, der Einsatz des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Interesse des Friedens
und zum Nutzen der Menschheit - alle derartigen Maßnahmen
bringen, wenn sie mutig unterstützt und ausgedehnt werden,
den Tag näher, da das Schreckgespenst des Krieges seine beherrschende
Kraft in den internationalen Beziehungen verloren haben wird. Es
erübrigt sich, die Bedeutung der durch diese Erklärungen
und Abkommen behandelten Themen zu betonen. Indes verdienen einige
dieser Themen wegen ihrer unmittelbaren Wichtigkeit für die
Errichtung des Weltfriedens eine zusätzliche Erläuterung.
Der
Rassismus ist eines der verhängnisvollsten, hartnäckigsten
Übel, ein Haupthindernis für den Frieden. Wo er herrscht,
wird die Menschenwürde zu schändlich verletzt, als daß
er unter irgendeinem Vorwand gebilligt werden könnte. Der Rassismus
hemmt die Entfaltung der unbegrenzten Möglichkeiten seiner
Opfer, korrumpiert die Täter und vereitelt den menschlichen
Fortschritt. Die Einheit der Menschheit, vollzogen durch geeignete
rechtliche Maßnahmen, muß allgemein gültig anerkannt
werden, wenn dieses Problem überwunden werden soll.
Der krasse Unterschied zwischen arm und reich, eine Quelle heftigsten
Leides, hält die Welt in einem Zustand der Instabilität
am Rande des Krieges. Nur wenige Gesellschaften haben diese Situation
erfolgreich gemeistert. Die Lösung erfordert die kombinierte
Anwendung geistiger, moralischer und praktischer Mittel. Das Problem
muß in neuem Licht betrachtet werden; es bedarf der Beratung
durch Experten aus einem breiten Spektrum von Fachbereichen, frei
von wirtschaftlicher und ideologischer Polemik, unter Einbezug der
von den dringend zu fällenden Entscheidungen direkt Betroffenen.
Es handelt sich nicht nur um die notwendige Beseitigung der Extreme
von Reichtum und Armut; diese Frage steht vielmehr in untrennbarem
Zusammenhang mit jenen geistigen Wahrheiten, deren Verständnis
eine neue, aufs Ganze bezogene Haltung hervorbringen kann. Eine
solche Haltung zu fördern, ist in sich schon ein wesentlicher
Teil der Lösung.
Ein
ungezügelter Nationalismus - im Unterschied zu einem gesunden,
legitimen Patriotismus - muß einer umfassenderen Loyalität
Platz machen: der Liebe zur Menschheit als Ganzem. Bahá'u'lláhs
Erklärung lautet: "Die Erde ist nur ein Land, und alle
Menschen sind seine Bürger." Der Gedanke der Weltbürgerschaft
ist das unmittelbare Ergebnis davon, daß die Welt durch den
wissenschaftlichen Fortschritt und die unbestreitbare wechselseitige
Abhängigkeit der Staaten auf eine einzige Nachbarschaft geschrumpft
ist. Die Liebe zu allen Völkern der Welt schließt die
Liebe zum eigenen Land nicht aus. In der Weltgesellschaft wird der
Nutzen eines Teils am besten dadurch gewahrt, daß der Nutzen
des Ganzen gefördert wird. Die heutigen internationalen Aktivitäten
auf verschiedenen Gebieten, welche die gegenseitige Zuneigung und
den Sinn für Solidarität unter den Völkern pflegen,
müssen erheblich verstärkt werden.
Religiöser
Streit war im Laufe der Geschichte der Grund für unzählige
Konflikte und Kriege, ein Pesthauch für den Fortschritt; er
wird den Menschen immer mehr zuwider, ob sie einer Religion angehören
oder nicht. Die Anhänger aller Religionen müssen bereit
sein, sich den Grundfragen zu stellen, die dieser Streit aufgeworfen
hat, und zu klaren Antworten zu gelangen. Wie lassen sich die Meinungsverschiedenheiten
zwischen ihnen in Theorie und Praxis beilegen? Die religiösen
Führer der Menschheit sind herausgefordert, mit Herzen voll
Mitgefühl und Sehnsucht nach Wahrheit über das Elend der
Menschheit nachzudenken und sich zu fragen, ob sie nicht in Demut
vor ihrem allmächtigen Schöpfer ihre theologischen Differenzen
im großmütigen Geist gegenseitiger Nachsicht, der ihnen
die Zusammenarbeit für Verständigung und Frieden zwischen
den Menschen ermöglicht, hintanstellen können.
Die
Emanzipation der Frau, die volle Gleichberechtigung der Geschlechter,
ist eine der wichtigsten, wenngleich kaum anerkannten, Voraussetzungen
des Friedens. Die Verweigerung der Gleichberechtigung bedeutet ein
Unrecht gegenüber der Hälfte der Weltbevölkerung
und leistet bei den Männern Vorschub für schädliche
Einstellungen und Gewohnheiten, die aus der Familie an den Arbeitsplatz,
ins politische Leben und letztlich in die internationalen Beziehungen
hineingetragen werden. Es gibt keine moralischen, praktischen oder
biologischen Gründe, die eine solche Verweigerung rechtfertigten.
Erst wenn die Frau in allen Bereichen menschlichen Strebens zu voller
Partnerschaft willkommen geheißen wird, entsteht das moralisch-
psychologische Klima, in dem sich der internationale Frieden entwickeln
kann.
Die universale Erziehung, die bereits eine Armee engagierter Mitarbeiter
aus allen Religionen und Nationen für sich gewonnen hat, verdient
nachdrückliche Unterstützung durch die Regierungen der
Welt. Unwissenheit ist unbestreitbar der Hauptgrund für den
Abstieg und Untergang der Völker und für das Fortbestehen
von Vorurteilen. Kein Staat kann Erfolg haben, wenn nicht allen
seinen Bürgern Bildung vermittelt wird. Der Mangel an Mitteln
beschneidet die Fähigkeit vieler Staaten, dieser Notwendigkeit
zu entsprechen, und zwingt sie, Prioritäten zu setzen. Die
zuständigen Entscheidungsgremien täten gut daran, der
Bildung von Frauen und Mädchen höchste Priorität
einzuräumen, denn durch gebildete Mütter kann der Nutzen
des Wissens am wirksamsten und schnellsten die Gesellschaft durchdringen.
Im Einklang mit den Erfordernissen der Zeit sollte in Betracht gezogen
werden, den Gedanken der Weltbürgerschaft jedem Kind als Teil
seiner Grundausbildung zu vermitteln.
Ein
grundlegender Kommunikationsmangel zwischen den Völkern schwächt
empfindlich die Bemühungen um den Weltfrieden. Die Annahme
einer internationalen Hilfssprache würde zur Lösung dieses
Problems einen großen Beitrag leisten und erfordert dringlichste
Beachtung.
Zwei
Kernpunkte sollten bei allen diesen Problemkreisen betont werden.
Zum einen ist die Abschaffung des Krieges nicht einfach eine Sache
der Unterzeichnung von Verträgen und Protokollen. Es ist vielmehr
eine vielschichtige Aufgabe, die auf neuer Ebene den Einsatz erfordert,
Probleme zu lösen, die üblicherweise nicht mit dem Streben
nach Frieden in Verbindung gebracht werden. Die Vorstellung kollektiver
Sicherheit bleibt eine Chimäre, wenn sie allein auf politischen
Abmachungen beruht. Zum anderen besteht die Herausforderung bei
der Behandlung der Friedensfrage hauptsächlich darin, daß
die Zusammenhänge vom reinen Pragmatismus auf die Ebene der
Prinzipien gehoben werden; denn der Frieden erwächst dem Wesen
nach aus einem inneren Zustand, getragen von einer geistigen oder
ethischen Einstellung, und es geht vor allem darum, diese Einstellung
wachzurufen, damit sich die Möglichkeit zu dauerhaften Lösungen
findet.
Es
gibt geistige Prinzipien - oder, wie manche sie nennen, menschliche
Werte -, mit denen sich für jedes gesellschaftliche Problem
Lösungen finden lassen. Jede Gruppe mit guten Absichten kann
sich im allgemeinen praktische Lösungen für ihre Probleme
ausdenken, aber gute Absichten und praktisches Können allein
reichen normalerweise nicht aus. Geistige Prinzipien haben den wesentlichen
Vorzug, daß sie nicht nur eine Sichtweise eröffnen, die
mit dem Wesen des Menschen in Einklang steht, sondern auch eine
Haltung vermitteln, eine treibende Kraft, ein Wollen, ein Sehnen,
die es erleichtern, praktische Maßnahmen zu finden und in
die Wege zu leiten. Staatslenker und alle mit Amtsgewalt Ausgestatteten
wären gut beraten, wenn sie in ihren Bemühungen um die
Lösung der Probleme die einschlägigen Prinzipien festzustellen
suchten und sich dann von diesen leiten ließen.
III.
Die
Hauptfrage, die es zu lösen gilt, lautet, wie die heutige Welt
mit ihren tiefsitzenden Konfliktstrukturen in eine Welt verwandelt
werden kann, in der Eintracht und Zusammenarbeit vorherrschen.
Die Weltordnung läßt sich nur auf das unerschütterliche
Bewußtsein von der Einheit der Menschheit gründen, eine
geistige Wahrheit, die alle Humanwissenschaften bestätigen.
Anthropologie, Physiologie und Psychologie kennen nur eine Gattung
Mensch, wenngleich unendlich mannigfaltig in den sekundären
Aspekten des Lebens. Wer diese Wahrheit anerkennt, muß vorurteilsfrei
werden. Vorurteile jeglicher Art müssen abgelegt werden: Vorurteile
der Rasse, Klasse, Hautfarbe, Religion, Nation, des Geschlechts,
des Lebensstandards, alles, was Menschen ermöglicht, sich anderen
überlegen zu dünken.
Die
Anerkennung der Einheit der Menschheit ist die erste, grundlegende
Voraussetzung für die Neuordnung und rechtliche Gestaltung
der Welt als ein Land, als die Heimat der Menschheit. Die weltweite
Annahme dieses geistigen Grundsatzes ist wesentlich für jeden
tauglichen Versuch, den Weltfrieden zu errichten. Der Grundsatz
muß daher weltweit verkündet, in den Schulen gelehrt
und in jedem Land beharrlich zur Geltung gebracht werden, als Vorbereitung
auf den durch ihn bedingten organischen Wandel der Gesellschaftsstruktur.
Nach Auffassung der Baha'i erfordert die Anerkennung der Einheit
der Menschheit "nichts Geringeres als die Neuordnung und Entmilitarisierung
der gesamten zivilisierten Welt - einer Welt, die in allen Grundfragen
des Lebens, in ihrem politischen Mechanismus, ihren geistigen Bestrebungen,
in Handel und Finanzwesen, Schrift und Sprache organisch zusammengewachsen
und doch in den nationalen Eigenarten ihrer verbündeten Staatenglieder
von einer unendlichen Mannigfaltigkeit ist."
In
seinen Erläuterungen über den Sinn dieses zentralen Prinzips
hat Shoghi Effendi, der Hüter der Baha'i-Religion, 1931 ausgeführt:
"Weit davon entfernt, auf den Umsturz der bestehenden Gesellschaftsordnung
abzuzielen, sucht es ihre Grundlage zu erweitern, ihre Institutionen
auf eine Weise umzugestalten, die mit den Bedürfnissen einer
stets sich wandelnden Welt in Einklang steht. Es kann mit keiner
rechtmäßigen Untertanenpflicht in Widerspruch sein, noch
kann es wirkliche Treue untergraben. Seine Absicht ist weder, die
Flamme einer vernünftigen Vaterlandsliebe in den Herzen der
Menschen zu ersticken, noch den Grundsatz nationaler Selbständigkeit
abzuschaffen, der so wesentlich ist, wenn die Übel übertriebener
Zentralisation vermieden werden sollen. Es übersieht weder
die Vielfalt der völkischen Herkunft, des Klimas, der Geschichte,
Sprache und Überlieferung, des Denkens und der Gewohnheit,
die die Völker und Nationen der Welt unterschiedlich gestalten,
noch versucht es, sie auszumerzen. Es ruft nach größerer
Treue, stärkerem Bemühen als irgendein anderes, das je
die Menschenwelt beseelt hat. Es besteht auf der Unterordnung nationaler
Regungen und Belange unter die zwingenden Ansprüche einer geeinten
Welt. Es verwirft einerseits die übersteigerte Zentralisation
und entsagt zum anderen allen Versuchen der Gleichmacherei. Seine
Losung ist Einheit in der Mannigfaltigkeit
"
Diese
Ziele erfordern eine stufenweise Anpassung in den Bestrebungen nationaler
Politik, die jetzt in Ermangelung klar definierter Gesetze oder
allgemein anerkannter, durchsetzbarer Prinzipien zur Regelung der
Beziehungen zwischen den Völkern die Züge der Anarchie
tragen. Der Völkerbund, die Vereinten Nationen und die vielen
durch sie geschaffenen Organisationen und Abkommen haben zweifellos
geholfen, einige negative Auswirkungen internationaler Konflikte
abzumildern; sie haben sich jedoch als untauglich erwiesen, den
Krieg zu verhüten. Bekanntlich gab es seit dem Ende des Zweiten
Weltkrieges eine große Zahl von Kriegen; viele toben noch
heute.
Die wesentlichen Aspekte dieses Problems waren bereits im 19. Jahrhundert
erkennbar, als Bahá'u'lláh erstmals seine Vorschläge
für die Errichtung des Weltfriedens vortrug. In seinen Botschaften
an die Herrscher der Welt hat er das Prinzip der kollektiven Sicherheit
dargelegt. Shoghi Effendi stellt dazu fest: "Was können
diese schwerwiegenden Worte anderes bedeuten als den Hinweis, daß
die Einschränkung der vollen nationalen Souveränität
als unerläßlicher erster Schritt zur Bildung des künftigen
Gemeinwesens aller Nationen der Erde unumgänglich geworden
ist? Ein Welt-Überstaat, an den alle Nationen der Erde willig
den Anspruch, Krieg zu führen, gewisse Rechte der Steuererhebung
und alle Rechte auf Kriegsrüstung außer zur Aufrechterhaltung
der inneren Ordnung in ihren Gebieten abtreten - ein solcher Staat
muß notwendigerweise in irgendeiner Form entwickelt werden.
Sein Organisationsrahmen wird eine internationale Exekutive einschließen
müssen, die jedem widerspenstigen Mitglied der Gemeinschaft
ihre höchste, unantastbare Autorität aufzwingen kann;
ein Weltparlament, dessen Mitglieder durch das Volk aller Länder
gewählt und in ihrer Amtsübernahme von den jeweiligen
Regierungen bestätigt werden, sowie einen Obersten Gerichtshof,
dessen Urteil bindende Gültigkeit haben wird, selbst in Fällen,
in denen die Parteien ihren Streit nicht freiwillig seiner Rechtsfindung
unterwerfen.
Eine
Weltgemeinschaft, in der alle wirtschaftlichen Schranken für
immer niedergerissen werden, in der die gegenseitige Abhängigkeit
von Kapital und Arbeit ausdrücklich anerkannt wird, in der
das Geschrei religiösen Eifers und Streites endgültig
verstummt ist, in der die Flamme des Rassenhasses ein für allemal
gelöscht ist, deren einheitliches System internationalen Rechts
als Ergebnis der wohlüberlegten Entscheidung der weltweit vereinigten
Volksvertreter durch das sofortige, zwingende Eingreifen der vereinten
Streitkräfte der Verbündeten sanktioniert wird; und schließlich:
eine Weltgemeinschaft, in der der Sturm eines tollkühn-militanten
Nationalismus in ein dauerhaftes Bewußtsein des Weltbürgertums
verwandelt ist - so wahrlich sieht, in groben Zügen gezeichnet,
die von Bahá'u'lláh vorausgeschaute Ordnung aus, eine
Ordnung, die einmal als die edelste Frucht eines langsam heranreifenden
Zeitalters betrachtet werden wird."
Die Durchführung dieser weitreichenden Maßnahmen hat
Bahá'u'lláh angekündigt: "Die Zeit muß
kommen, da die gebieterische Notwendigkeit für die Abhaltung
einer ausgedehnten, allumfassenden Versammlung der Menschen weltweit
erkannt wird. Die Herrscher und Könige der Erde müssen
ihr unbedingt beiwohnen, an ihren Beratungen teilnehmen und solche
Mittel und Wege erörtern, die den Grund zum Größten
Weltfrieden unter den Menschen legen."
Der
Mut, die Entschlossenheit, das lautere Motiv, die selbstlose Liebe
eines Volkes für das andere - all die geistigen und ethischen
Werte, die für diesen gewaltigen Schritt zum Frieden erforderlich
sind, treffen zusammen im Willen zur Tat. Um diesen notwendigen
Willensakt hervorzurufen, muß der Wirklichkeit des Menschen,
nämlich seinem Denken, ernsthafte Beachtung geschenkt werden.
Will man die Bedeutung dieser machtvollen Wirklichkeit verstehen,
so muß man begreifen, daß es gesellschaftlich notwendig
ist, den einzigartigen Wert des Denkens in offene, leidenschaftslose
und aufrichtige Beratung umzusetzen und den Ergebnissen dieses Prozesses
gemäß zu handeln. Bahá'u'lláh wies nachdrücklich
auf den hohen Wert und die Unerläßlichkeit der Beratung
bei der Gestaltung der menschlichen Beziehungen hin. Er erklärte:
"Beratung verleiht tiefere Kenntnis und verwandelt Vermutung
in Gewißheit. Sie ist ein strahlendes Licht, welches in einer
dunklen Welt den Weg weist und Führung gibt. Für alles
gibt es und wird es immer eine Stufe der Vollendung und Reife geben.
Die Gabe der Einsicht zeigt ihre Reife in der Beratung."
Gerade
der Versuch, den Frieden durch die von Bahá'u'lláh
vorgeschlagenen Beratungsprozesse zu erreichen, vermag einen derart
heilsamen Geist unter den Völkern der Erde freizusetzen, daß
keine Macht dem letztendlichen Triumph widerstehen könnte.
Zum
Verfahren jener Weltversammlung hat 'Abdu'l-Bahá, Bahá'u'lláhs
Sohn und bevollmächtigter Interpret seiner Lehren, folgende
Einsichten dargelegt: "Sie müssen die Friedensfrage zum
Gegenstand gemeinsamer Beratung machen und mit allen ihnen zu Gebote
stehenden Mitteln versuchen, einen Weltbundesstaat zu schaffen.
Sie müssen einen verbindlichen Vertrag schließen, einen
Bund gründen, dessen Verfügungen eindeutig, unverletzlich
und bestimmt sind. Sie müssen ihn der ganzen Welt bekannt geben
und die Bestätigung der gesamten Menschheit dafür erlangen.
Dieses erhabene, edle Unterfangen - der wahre Quell des Friedens
und Wohlergehens für alle Welt - sollte allen, die auf Erden
wohnen, heilig sein. Alle Kräfte der Menschheit müssen
freigemacht werden, um die Dauer und den Bestand dieses größten
aller Bündnisse zu sichern. In diesem allumfassenden Vertrag
sollten die Grenzen jedes einzelnen Landes deutlich festgelegt,
die Grundsätze für die Beziehungen der Regierungen untereinander
klar verzeichnet und alle internationalen Vereinbarungen und Verpflichtungen
bekräftigt werden. In gleicher Weise sollte der Umfang der
Rüstungen für jede Regierung genauestens umgrenzt werden,
denn wenn die Zunahme der Kriegsvorbereitungen und Truppenstärken
in einem Land gestattet würde, so würde dadurch das Mißtrauen
anderer geweckt werden. Die Hauptgrundlage dieses feierlichen Vertrages
sollte so festgelegt werden, daß bei späterer Verletzung
einer Bestimmung durch eine Regierung sich alle Regierungen der
Erde erheben, um jene wieder zu voller Unterwerfung unter den Vertrag
zu bringen, nein, die gesamte Menschheit sollte sich entschließen,
mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln jene Regierung zu stürzen.
Wird dieses größte aller Heilmittel auf den kranken Weltkörper
angewandt, so wird er sich gewiß wieder von seinen Leiden
erholen und dauernd bewahrt und heil bleiben."
Diese machtvolle Versammlung ist längst überfällig.
Von
ganzem Herzen appellieren wir an die Staatsmänner, diese günstige
Stunde zu nutzen und unwiderrufliche Schritte zur Einberufung dieser
Weltversammlung zu unternehmen. Alle Kräfte der Geschichte
drängen die Menschheit zu dieser Tat, die für alle Zeiten
den Anbruch ihrer langerwarteten Reife kennzeichnen wird.
Wollen sich nicht die Vereinten Nationen mit voller Unterstützung
ihrer Mitgliedstaaten zu den hohen Zielen eines derart glorreichen
Ereignisses erheben?
Mögen Männer und Frauen, Jugend und Kinder allenthalben
den ewigen Wert dieser zwingend notwendigen Tat für alle Völker
erkennen und ihre Stimme in williger Zustimmung erheben. Möge
es die heutige Generation sein, die diesen ruhmreichen Abschnitt
in der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens auf dem Planeten
eröffnet.
IV.
Die
Quelle unseres Optimismus ist eine Vision, die über die Abschaffung
des Krieges und das Schaffen von Behörden internationaler Zusammenarbeit
weit hinausgeht. Dauerhafter Frieden unter den Völkern ist
ein wesentliches Stadium, aber, wie Bahá'u'lláh erklärt,
nicht das letztliche Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung der
Menschheit. Jenseits des anfänglichen, der Menschheit durch
die Angst vor dem atomaren Inferno aufgezwungenen Waffenstillstands,
jenseits des politischen Friedens, den mißtrauisch rivalisierende
Staaten widerwillig eingehen, jenseits der pragmatischen Vereinbarungen
über Sicherheit und Koexistenz, selbst jenseits der zahlreichen
Versuche der Zusammenarbeit, die diese Schritte ermöglichen
werden, steht als krönender Abschluß: die Vereinigung
aller Völker dieser Welt in einer universalen Familie.
Uneinigkeit
ist eine Gefahr, welche die Staaten und Völker auf Erden nicht
länger ertragen können; die Folgen sind zu entsetzlich,
als daß sich darüber nachdenken ließe, zu offensichtlich,
als daß sie einer Darlegung bedürften. "Das Wohlergehen
der Menschheit, ihr Friede und ihre Sicherheit sind unerreichbar,
wenn und ehe nicht ihre Einheit fest begründet ist", schrieb
Bahá'u'lláh vor über einem Jahrhundert. "Das
ganze Menschengeschlecht stöhnt und schmachtet danach, zur
Einheit geführt zu werden und sein lange Zeitalter währendes
Martyrium zu beenden", stellt Shoghi Effendi fest und führt
dazu aus: "Die Vereinigung der ganzen Menschheit ist das Kennzeichen
der Stufe, der sich die menschliche Gesellschaft heute nähert.
Die Einheit der Familie, des Stammes, des Stadtstaates und der Nation
ist nacheinander in Angriff genommen und völlig erreicht worden.
Welteinheit ist das Ziel, dem eine gequälte Menschheit zustrebt.
Der Aufbau von Nationalstaaten ist zu einem Ende gekommen. Die Anarchie,
die der nationalstaatlichen Souveränität anhaftet, nähert
sich heute einem Höhepunkt. Eine Welt, die zur Reife heranwächst,
muß diesen Fetisch aufgeben, die Einheit und Ganzheit der
menschlichen Beziehungen erkennen und ein für allemal den Apparat
aufrichten, der diesen Leitgrundsatz ihres Daseins am besten zu
verkörpern vermag."
Alle
gegenwärtigen Kräfte des Wandels bestätigen diese
Ansicht. Die Beweise lassen sich an den vielen bereits genannten
Beispielen günstiger Zeichen für den Weltfrieden aus den
heutigen internationalen Bewegungen und Entwicklungen ablesen. Das
Heer der Männer und Frauen aus praktisch allen Kulturen, Rassen
und Nationen auf Erden, das in den vielfältigen Behörden
der Vereinten Nationen Dienst tut, verkörpert einen weltumspannenden
"Öffentlichen Dienst", dessen eindrucksvolle Leistungen
für ein hohes Maß an Zusammenarbeit, selbst unter entmutigenden
Bedingungen, kennzeichnend sind. Ein Drang zur Einheit kommt, einem
geistigen Frühling gleich, in zahllosen internationalen Kongressen
zum Ausdruck, die Menschen aus einem breiten Spektrum von Wissensgebieten
zusammenführen. Er ist Triebkraft für kinder- und jugendbezogene
internationale Vorhaben. Er ist in der Tat die eigentliche Quelle
der bemerkenswerten Bewegung der Ökumene, die Anhänger
historisch verfeindeter Religionen und Sekten unwiderstehlich zueinander
hinzuziehen scheint. Der Drang zur Welteinheit ist im unablässigen
Ringen mit der entgegengesetzten Tendenz zu Kriegsführung und
Selbstverherrlichung einer der beherrschenden, allgegenwärtigen
Wesenszüge des Lebens auf dem Planeten im ausgehenden 20. Jahrhundert.
In
den Erfahrungen der Baha'i-Gemeinschaft kann man ein Beispiel für
diese wachsende Einheit sehen. Sie ist eine Gemeinschaft von etwa
drei bis vier Millionen Menschen aus vielen Völkern, Kulturkreisen,
Klassen und Glaubensrichtungen, die sich in vielen Ländern
auf einem weiten Tätigkeitsfeld dem Dienst an den geistigen,
sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der Völker
widmen, ein einziger gesellschaftlicher Organismus, repräsentativ
für die Mannigfaltigkeit der Menschheitsfamilie. Sie regelt
ihre Angelegenheiten durch ein System allgemein anerkannter Beratungsprinzipien
und achtet alle großen Offenbarungen der Führung Gottes
in der Menschheitsgeschichte gleichermaßen hoch. Ihre Existenz
ist ein weiterer überzeugender Beweis für die praktische
Anwendbarkeit der Vision ihres Stifters von einer geeinten Welt,
ein weiteres Zeugnis dafür, daß die Menschheit als globale
Gesellschaft leben kann und jeder Herausforderung, die ihr Eintritt
in das Mündigkeitsalter mit sich bringt, gewachsen ist. Wenn
die Erfahrungen der Baha'i, in welchem Ausmaß auch immer,
etwas dazu beitragen können, die Hoffnung auf Einheit des Menschengeschlechts
zu stärken, schätzen wir uns glücklich, sie als Studienmodell
anzubieten.
Die
überragende Tragweite der Aufgabe vor Augen, die jetzt die
ganze Welt herausfordert, beugen wir das Haupt in Demut vor der
ehrfurchtgebietenden Majestät Gottes, des Schöpfers, der
aus Seiner unendlichen Liebe die ganze Menschheit aus demselben
Stamm erschaffen, die juwelengleiche Wirklichkeit des Menschen geadelt,
sie mit Verstand und Weisheit, edler Gesinnung und Unsterblichkeit
ausgezeichnet und dem Menschen die "einzigartige Auszeichnung,
Würde und Fähigkeit" verliehen hat, "Ihn zu
erkennen und zu lieben" - eine Fähigkeit, die "notwendigerweise
als der der gesamten Schöpfung zugrundeliegende schöpferische
Antrieb und Hauptzweck anzusehen ist".
Es
ist unsere tiefe Überzeugung, daß alle Menschen dazu
erschaffen sind, "eine ständig fortschreitende Kultur
voranzutragen", daß "wie die Tiere auf dem Felde
zu leben, des Menschen unwürdig" ist, daß die der
Menschenwürde entsprechenden Tugenden Vertrauenswürdigkeit,
Nachsicht, Barmherzigkeit, Mitleid und Güte gegenüber
allen Menschen sind. Wir bekräftigen erneut unseren Glauben,
daß "die Möglichkeiten, die der Stufe des Menschen
innewohnen, das volle Maß seiner Bestimmung auf Erden, der
angeborene Vorzug seiner Wirklichkeit, an diesem verheißenen
Tag Gottes offenbar werden müssen". Dies sind die Beweggründe
für unseren unerschütterlichen Glauben, daß Einheit
und Frieden das erreichbare Ziel sind, dem die Menschheit zustrebt.
Während
dies niedergeschrieben wird, sind die erwartungsvollen Stimmen von
Baha'i zu vernehmen, ungeachtet der Verfolgung, die sie im Geburtsland
ihres Glaubens noch immer erdulden. Durch ihr Beispiel standhafter
Hoffnung legen sie Zeugnis ab für den Glauben, daß die
Stunde der Verwirklichung dieses jahrtausendealten Friedenstraumes
heute durch die verwandelnde, mit göttlicher Vollmacht versehene
Wirkkraft der Offenbarung Bahá'u'lláhs gekommen ist.
So vermitteln wir Ihnen nicht nur eine Vision mit Worten: Wir bieten
die Macht der Taten des Glaubens und des Opfers auf, wir übermitteln
das erwartungsvolle Plädoyer unserer Glaubensbrüder und
-schwestern allenthalben für Frieden und Freiheit. Wir fühlen
uns verbunden mit allen Opfern der Aggression, mit allen, die sich
nach einem Ende von Kampf und Streit sehnen, mit allen, deren Hingabe
an die Grundsätze des Friedens und der Weltordnung die edlen
Ziele fördern, zu denen die Menschheit durch einen alliebenden
Schöpfer ins Dasein gerufen wurde.
In
dem aufrichtigen Wunsch, Ihnen unsere inbrünstige Hoffnung
und unser tiefes Vertrauen kundzutun, zitieren wir die nachdrückliche
Verheißung Bahá'u'lláhs: "Diese fruchtlosen
Kämpfe, diese zerstörenden Kriege werden aufhören
und der Größte Friede' wird kommen."
Das
Universale Haus der Gerechtigkeit, Oktober 1985
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