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STELLUNGNAHME DER BAHA'I GEMEINDE DER SCHWEIZ ZUM THEMA ARMUT UND HUNGER | 2007

Nach Auskunft der Weltbank sehen sich über eine Milliarde Menschen mit extremer Armut konfrontiert. Zur Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse steht ihnen ein Dollar pro Tag zur Verfügung. Das bedeutet: kein Dach über dem Kopf, chronischer Hunger, keine medizinische Versorgung, kein sauberes Trinkwasser, kein Zugang zu Technologie und Wissenschaft  und vor allem keine Ausbildung für die Kinder. Kann sich die Menschheit dies noch leisten? Umsomehr als immer klarer wird, dass in einer komplexen  von gegenseitiger Abhängigkeit geprägten Welt extreme

Armut zu globaler Unsicherheit beiträgt, zu Umweltzerstörung bis hin zu Gewalt und Terrorismus. Armut kann und wird besiegt werden. "Die Möglichkeiten, die der Stufe des Menschen innewohnen, das volle Mass seiner Bestimmung auf Erden, der angeborene Vorzug seiner Wirklichkeit - all dies muss an diesem verheissenen Tage Gottes offenbar werden", so schreibt Baha'u'llah, der Stifter der Baha'i-Religion (1817-1892).

Im Mittelpunkt jedes erfolgreichen Planes zur Überwindung der Armut müsste erstens die Frage nach der eigentlichen Natur des Menschen und zweitens jene nach der Gerechtigkeit stehen. Pragmatische Herangehensweisen zur Ausrottung der Armut spielen ohne Zweifel eine bedeutende Rolle. Sie können jedoch die motivierenden Kräfte des menschlichen Geistes und seiner eigentlichen Natur nicht freisetzen. Sobald jedoch geistige Prinzipien in Entwicklungsstrategien integriert werden, setzt dies die notwendigen Impulse und die Wurzeln der Motivation frei. Selbstverantwortung wird gefördert, menschliche Würde gesichert, Qualitäten wie Mitgefühl, Vertrauenswürdigkeit, Demut, Mut, Freigebigkeit werden wichtiger als eine rein materialistische Herangehensweise.

Zweitens werden Vorschläge, die auf eine nachhaltige Entwicklung des Planeten abzielen, sich dann als erfolgreich erweisen, wenn sie den klaren Massstäben globaler Gerechtigkeit standhalten. Auf der Stufe des Individuums ist Gerechtigkeit jene Fähigkeit der menschlichen Seele, die es ermöglicht, wahr von falsch zu unterscheiden. Auf der Stufe der Gesellschaft bildet Gerechtigkeit den unentbehrlichen Kompass bei der kollektiven Entscheidungsfindung. Bei der Planung von Strategien zur Eliminierung der Armut stellt sie sicher, dass alle Menschen als gleichwertige Partner betrachtet werden, dass ein Geist der Beratung praktiziert wird, dass Unparteilichkeit hochgehalten wird, dass die Interessen des Einzelnen unauflösbar bis jenen der Gesellschaft verknüpft werden, dass nur solche Entwicklungsprogramme durchgeführt werden, die die Unterstützung der grossen Mehrheit der Menschen haben und auch deren Bedürfnissen entsprechen.  Um nur ein Beispiel zu nennen wird der notwendige wissenschaftlich-technische Fortschritt auf Prioritäten ausgerichtet die weit davon entfernt sind, den wahren Interessen der meisten Menschen gerecht zu werden.  Falsch gesetzte Prioritäten können als einer der Hauptgründe für die herrschende Armut angesehen werden.

Gerechtigkeit ist ferner die herausragende Macht, die das erwachende Bewusstsein für die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt  in einen gemeinsamen Willen umsetzen kann. Was die Völker der Welt heute erleben, ist, so sagt Baha'u'llah, ihr kollektives Erwachsenwerden, ein Prozess mit vielen Schmerzen, der aber  zur Einsicht führt, dass die "Erde nur ein Land ist, und die Menschen seine Bürger sind". Von der Errichtung der Einheit hängen das Wohlergehen der Menschen, ihr Friede und ihre Sicherheit ab, mehr noch, die Spirale der Armut wird nur dann nachhaltig überwunden werden können, wenn die Tatsache der organischen Einheit der Menschheit von ganzem Herzen bejaht wird und dieses Bewusstsein in die notwendigen Strukturen umgesetzt wird. Die Welt ist dem Menschen als ein Ganzes, als ein Pfand,  anvertraut worden. Diese Treuhänderschaft bildet die geistige Grundlage für die meisten anderen Rechte, die unmittelbar mit der Frage der Armut zusammenhängen: den Menschenrechten, dem Recht auf Arbeit, auf Gesundheitsvorsorge, auf soziale Sicherheit, auf Bildung, auf Gleichwertigkeit der Geschlechter, auf eine intakte Natur.

Nach unserer Auffassung tragen die religiösen Führer der Welt eine grosse Verantwortung bei der Ueberwindung der Armut und der Not der Menschen.  Wenn auch im Namen der Wahrheit religiöse Feindseligkeiten bis hin zu Hass auf Andersdenkende, Exklusivität oder Unterdrückung des Gewissens, Verweigerung von Gleichheit, Widerstand gegen die Wissenschaft und anderes mehr festzustellen sind,  ist es  doch undenkbar, die Geisel der Armut ausrotten zu wollen, ohne die verändernde Kraft der Religion mit einzubeziehen. Religion ist die Quelle der Hoffnung und der Sinngebung für die Mehrheit der Menschen dieses Planeten. Diese geistige, kulturelle und soziale Kraft gilt es jetzt  zur Verwirklichung der lange verheissenen und ersehnten Herrschaft von Frieden und Wohlergehen für alle einzusetzen. 

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Gemeinsam Gegen Armut

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