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INTERVIEW MIT RAMIN GRANFAR
Das mongolische nationale Büro für Kinder verlieh am 30. Oktober 2003 in Ulan-Bator Ramin Granfar aus Lausanne die „ Medaille für außerordentliche Dienste für die Kinder“ für seinen Beitrag zum Wohlergehen der mongolischen Kinder.
Gratulation Ramin! Wir freuen uns sehr über diese Auszeichnung der mongolischen Regierung. Obwohl uns bekannt ist, dass du seit Jahren dort tätig bist, wissen wir nicht viel über deine Arbeit dort. Wie hat denn alles angefangen?
A: Es war 1992. Ich hatte eben mein Studium in Genf in Internationaler Entwicklung abgeschlossen und wollte irgendwo auf der Welt ein paar Wochen ausspannen. In Ulan-Bator in der Mongolei, so hörte ich, sollte die erste lokale Bahá’í-Gemeinde errichtet werden. Das tönte interessant und so fuhr ich einmal hin. Mich erwartete ein Land im Aufbruch, um nicht zu sagen, im Chaos, doch mit ungeheuren Möglichkeiten, nachdem das sozialistische System 1990 zusammengebrochen war. Ich war tief beeindruckt auch von den dortigen Menschen und so beschloss ich im Februar 1993 wieder zurückzugehen. Im Gepäck die Idee einer nichtstaatliche Entwicklungsorganisation, die ich dem Erziehungsdepartement anbieten könnte. Das Ministerium war beeindruckt und gab die Erlaubnis, eine Organisation zu gründen, die sich mit der Erziehung in sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beschäftigen würde.
F: D.h. du hast also eine sog. Nichtregierungsorganisation gegründet?
A: Genau, und diese arbeitete dann eng mit dem mongolischen Entwicklungszentrum zusammen. Ich selber hatte zwar einiges theoretisches Wissen, brauchte aber Mitarbeiter mit Erfahrung in Landwirtschaft, um meine Ideen auch umzusetzen. So hielt ich zuerst einmal Ausschau nach Spezialisten in Landwirtschaft und nach Sprachlehrern.
F: Und was genau wolltet ihr dann erreichen?
A: Wir gingen von einem holistischen Verständnis eines sozialen Prozesses aus. Wir waren überzeugt, dass allgemeines Wohlergehen für die mongolische Landbevölkerung mit dem Individuum beginnen muss, mit seiner Begeisterung, seiner eigenen Expertise und seinem Engagement. Darüber hinaus hofften wir aber auch, materielle, intellektuelle, soziale und geistige Erziehung einbeziehen zu können. Das Ziel war, in den Teilnehmern über die Förderung ihrer eigenen Fähigkeiten hinaus auch den Wunsch zu entwickeln, etwas zur Gemeinschaft beizutragen.
F: Und wie ging es dann praktisch weiter?
A: Wir begannen mit acht Studenten, die sich für Englisch und eine Ausbildung in den grundlegenden Wirtschaftsprinzipien einschrieben. Diese Sprachkurse finanzierten das erste Jahr des Projektes. Bereits nach einigen Monaten wurden unsere Kurse von der Universität und von der Handelskammer anerkannt.
F: Und die Finanzen? Wie waren die Entwicklungsprojekte finanziert?
A: Das erste landwirtschaftliche Projekt wurde von der Gemeinde „Bellevue“ im Kanton Genf finanziert. Die guten Resultate dieses ersten Projektes zogen andere Geldgeber an, die die Arbeit der Organisation (Mongolia Development Center/MDC) bis heute unterstützen. Erst kürzlich hat die Weltbank die Methodologie von MDC anerkannt, wobei zu sagen ist, dass nur 2% aller der Weltbank vorgeschlagenen Projekte ausgezeichnet werden.
F: Die Mongolei ist ja vor allem ein Agrarland. Was konnte denn euer Zentrum diese Landbevölkerung Neues lehren?
A: Das Land, jahrelang abhängig von einer zentralistischen Wirtschaft, setzte vor allem auf Milch- und Fleischwirtschaft. Gemüse- und Obstanbau waren wenig bekannt. Das Volk ernährte sich sehr einseitig, geprägt natürlich auch vom kalten, unwirtlichen Klima und den nomadischen Traditionen. Zahlreiche Erkrankungen der Bevölkerung waren – vor allem in der Zeit der Krise der frühen Neunzigerjahre durch Vitaminmangel bedingt. Wir begannen also mit kleinen gemeinschaftlichen, dörflichen Projekten, in denen wir Gemüse anbauten und so eine ernsthafte Nahrungslücke schließen konnten. Anfänglich hatten die Menschen natürlich Mühe, ihnen wenig bekannte Nahrungsmittel zu essen, doch heute genießen viele es umso mehr und wetteifern im Rezepte Austauschen.
F: Im 1992 bist du in die Mongolei gefahren, um dort beim Aufbau der ersten lokalen Bahá’í-Gemeinden zu helfen. Wie war dann später die Zusammenarbeit mit ihnen? Gab es überhaupt eine solche Zusammenarbeit?
A: Unbedingt, es war z.B. eine Bahá’í-Gemeinde im Norden der Mongolei, die wegweisend war. Im 1995 begannen sie darüber zu beraten, welche ihrer Aktivitäten der weiteren Umgebung zugute kommen könnten und welches wirtschaftliche und soziale Projekt sie beginnen könnten. Nach einer Reihe von Beratungen entschlossen sie sich für den Anbau eines Gemüsegartens. Dieses Projekt war sozusagen ein Pilotprojekt, das ihnen helfen sollte, miteinander besser zu beraten und allgemein ihre soziale Kompetenz zu erhöhen. Auf dieser Grundlage würden sie dann weitere, größere Projekte beginnen, z.B. die Errichtung einer Windmühle, mit der Wasser vom nahen Fluss in einen Vorratstank gepumpt werden sollte. Diese Dorfbewohner sind übrigens sehr initiativ. Bei einem Dorffest z.B. wurde eine große Menge Salat und Obst auf dem zentralen Festtisch aufbereitet, zusammen mit den traditionellen Fleischgerichten, und die Menschen hatten so die Gelegenheit, ihnen unbekannte vegetarische Gerichte zu kosten. Das Beispiel machte Schule!
Eine Studie belegt, dass zwischen 1990 und 1996 die Anzahl jener Familien, welche in Ulan-Bator Gemüse anbauen, von 850 auf 21'000 gestiegen ist.
F: Eindrückliche Zahlen. Was würdest du sagen sollte bei solcher internationalen Entwicklungszusammenarbeit beachtet werden?
A: Empowerment, wie man heute sagt, d.h. die Menschen in ihren eigenen Bemühungen unterstützen. Wir alle müssen lernen, unser eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Die Erfolge des Mongolischen Entwicklungszentrums in sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und ihre dezentralisierten und durch Einheimische geplanten und durchgeführten Aktivitäten können darauf zurückgeführt werden, dass von Anfang an der Schwerpunkt auf moralische und geistige Erziehung gelegt wurde. Diese Grundlage, so war unsere Hoffnung und unsere Gewissheit, würde eine nachhaltige Entwicklung gewährleisten und auch einen Dialog auslösen über die eigentliche Natur von Entwicklung, Erziehung und sozialem Fortschritt.
F: Noch ein abschließendes Wort?
A: Das Wichtigste, das ich persönlich in Mongolei erkannt habe, ist, dass Entwicklung ein Prozess ist, welcher zu einer Kultur des Dienens führt, wobei das Individuum seine wahre Erfüllung im Dienst an den Mitmenschen findet.“
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