Die Zukunft der Schweiz
Glückwunschbotschaft zur 700-Jahrfeier der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
Ziel unserer Glückwunschbotschaft zur 700-Jahrfeier der Schweizerischen Eidgenossenschaft ist es, eine Vision für den Weg der Schweiz in die Zukunft aufzuzeigen.
Unsere Welt – und mit ihr die Schweiz – befindet sich in einer kritischen Phase des übergangs zur globalen Gesellschaft. überall wächst die Sehnsucht nach einer neuen Ordnung in den menschlichen Angelegenheiten.
Neue Perspektiven eröffnet die Vision einer weltumspannenden Ordnung, welche Bahá’u'lláh, der Begründer der Bahá’í-Religion, allen Völkern der Welt geschenkt hat.
In seinem reichen Schriftwerk hat er die vielfältigen geistigen und praktischen Aspekte dieser Weltordnung dargelegt und Impulse zu ihrer Verwirklichung gegeben.
Im Verlauf dieses Jahres werden einer interessierten öffentlichkeit von den Bahá’í-Gemeinden der ganzen Schweiz Veranstaltungen zum Thema angeboten. Ferner steht eine umfassende Dokumentation über Weltfrieden, Welteinheit und Weltordnung zur Verfügung.
Die Schweizer Bahá’í-Gemeinde ist bereit, mit Freude und Zuversicht ihren Beitrag im Dienste ihres Landes auf dem Weg zu einer globalen Gesellschaft zu leisten.
Der Nationale Geistige Rat der Bahá’í der Schweiz
Bern, im März 1991.
I. Epoche der Einheit
Im Jahre 1848 wagte die Schweiz den überaus bedeutsamen Schritt vom Staatenbund zum Bundesstaat. Damit vollzog sie als eines der ersten Länder den heute weltweit nahezu abgeschlossenen Prozess der Bildung von Nationalstaaten.
Ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand im damaligen Persien die Bahá’í-Religion. In Fortführung und Erfüllung der früheren religiösen Sendungen verkündet ihr Begründer Bahá’u'lláh den Anbruch des Zeitalters der Einheit der Menschheit.
In den seither vergangenen anderthalb Jahrhunderten hat sich die Welt grundlegender und schneller verändert als in den Jahrtausenden zuvor. Gewaltige Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Kommunikation erfüllten uralte Menschheitsträume, eröffneten ungeahnte Möglichkeiten und brachten die bis dahin weit voneinander entfernten Kontinente und Kulturkreise in direkten Kontakt. Zugleich entstanden wirtschaftliche, ökologische, gesellschaftliche und friedenspolitische Probleme, die nur global lösbar sind.
So ist die Menschheit heute hin- und hergerissen zwischen Faszination und Entsetzen, zwischen der Hoffnung auf Frieden und der Angst vor globaler Vernichtung. Beides scheint in greifbare Nähe gerückt. Die Bevölkerung des Erdballs ist zu einer Schicksalsgemeinschaft geworden, die jedoch erst lernen muss, als eine Weltgesellschaft zu leben und zu handeln. Entscheidend für eine erfolgreiche Gestaltung der Zukunf ist, dass sich die Völker der Welt ihrer tatsächlichen Einheit mehr und mehr bewusst werden.
Dieses wachsende Menschheitsbewusstsein kann auch für die Schweiz im Jahr 1991 von grosser Bedeutung sein, da sie über ihren Weg in die Zukunft nachdenkt. Eine solche Haltung steht keinesfalls im Gegensatz zur Loyalität und Liebe zum Heimatland. Bahá’u'lláh spricht von der , welche die Eigenart der Völker und Kulturen als kostbaren Schatz bewahren und fördern soll. Vor über hundert Jahren richtete er diese Worte an die Menschheit: “Diese Handvoll Staub, die Erde, ist eine Heimat. Lasst sie eine solche in Einigkeit sein.”
II. Historische Herausforderungen
Der Übergang der Menschheit in das Zeitalter ihrer Reife und Vereinigung nach jahrtausendlanger getrennter Entwicklung führt durch eine kritische Phase des Umbruchs und der Unsicherheit. Dieser Prozess bringt für jedes Land Veränderungen mit sich. Je nach Geschichte und Eigenart einer Nation erfordert er unterschiedliche Entwicklungsschritte. Unterschiedlich und vielfältig sind auch die einander ergänzenden Beiträge, die jedes Volk auf dem Weg zur Verwirklichung einer globalen Gesellschaft leisten kann.
Entscheidend ist aber, dass sich die Menschen der Bedeutung und der Unausweichlichkeit des weltweiten Transformationsprozesses bewusst werden.
Denn die Menschheit kann nicht wählen, ob sie zu einem Ganzen zusammenwachsen will oder nicht. , sagt Bahá’u'lláh, Ob die Einheit aber erst nach unvorstellbaren Leiden oder bald, durch einen gemeinsamen Willensakt, durch Beratung und durch entschlossenes gemeinschaftliches Handeln, erreicht wird – diese Entscheidung und Verantwortung liegt in den Händen der heutigen Menschheit.
Da also die Bestimmung der Menschheit ihre Vereinigung ist, muss die Planung der Zukunft – auch der Zukunft der Schweiz – unter der Perspektive einer neuen globalen Friedensordnung gesehen werden. Dies selbst dann, wenn andere Betrachtungsweisen kurzfristig vorteilhafter erscheinen.
Gross ist der Beitrag, den Wissenschaft und Technik auf dem Weg zu dieser neuen Ordnung leisten kšnnen. Aber ebenso wichtig ist, dass diese Kräfte durch allgemein anerkannte geistige und ethische Massstäbe geleitet werden. Dazu ist eine stärkere Berücksichtigung der geistigen Natur des Menschen unerlässlich, die ihn von allen anderen Lebensformen unterscheidet und ihn befähigt, seine materiellen Mšglichkeiten mit Weisheit und Mässigung zum Wohl des Ganzen einzusetzen.
Nach den Bahá’í-Lehren sind Wissenschaft und Religion keineswegs Gegensätze oder Alternativen. Sie ergänzen einander, sie sind die beiden Schwingen, auf denen die Menschheit sich zu ihrem Ziel erheben kann. Ebenso wird das gleichberechtigte Zusammenwirken von Mann und Frau als Voraussetzung für die Erreichung und Wahrung des Weltfriedens betrachtet.
III. Schweizer Erfahrungen
Die Schweiz, dem Föderalismus und damit der Vielfalt zutiefst verpflichtet, hat durch ihre eigene Entwicklung gezeigt, dass Einheit in der Vielfalt möglich ist, dass verschiedene kleinere und grössere Kultur- und Sprachgruppen gleichberechtigt auf engstem Raum miteinander leben können. Weitere wertvolle Erfahrungen sind die humanitäre Tradition der Schweiz, so etwa die Gründung des Roten Kreuzes, ferner die vermittelnde Rolle, welche die Schweiz seit Jahrzehnten zwischen den Nationen spielt.
Wenn auch Vorsicht und Beharrungsvermögen im Charakter des Schweizervolkes stark ausgeprägt sind, so hat es sich neuen Herausforderungen schliesslich doch immer wieder gestellt. In der Geschichte der Schweiz gibt es kaum einen Schritt, dem nicht ein gründlicher Entscheidungsprozess, ein lebhaftes vorausgegangen wäre. Als Beispiel sei das Friedensabkommen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus dem Jahr 1937 und der daraus resultierende Arbeitsfriede erwähnt, der für die wirtschaftliche Entwicklung und Sicherheit der gesamten Schweizer Bevölkerung von herausragender Bedeutung ist. Aus all dem geht hervor, dass in der Schweiz ein grosses Potential für weitsichtige und gerechte Lösungen gesellschaftlicher Probleme vorhanden ist.
Im Hinblick auf die Lösung globaler Probleme sind jedoch vor allem zwei Erfahrungen, welche die Schweiz im Zusammenhang mit der Gründung des Bundesstaates gemacht hat, ausserordentlich wertvoll:
> Der Verzicht auf gewisse regionale beziehungsweise kantonale Kompetenzen zugunsten des Staatsganzen bedeutet nicht primär Verlust, sondern er eröffnet neue Perspektiven der Entwicklung.
> Dieser Verzicht und die daraus folgende Umstrukturierung wird oft erst im Rückblick als der auslösende Faktor zur Entfaltung einer neuen, fortschrittlicheren Ordnung klar erkennbar.
IV. Hindernisse überwinden
Das Bewusstsein für die Notwendigkeit globalen Handelns in vielen, die ganze Menschheit betreffenden Bereichen ist zweifellos im Wachsen begriffen. Dies beweist die zunehmende Zahl internationaler Gremien, die an der Lösung so komplexer Aufgaben wie Abrüstung und Friedenssicherung, wirtschaftliche und soziale Entwicklung, Förderung des internationalen Handels sowie Rohstoff- und Energieversorgung arbeiten und sich für die Überwindung weltweiter Probleme wie Umweltzerstörung, Hunger, Flüchtlingselend, Terrorismus und Drogenhandel einsetzen.
Dennoch besteht eine gewisse Willenslähmung, entschlossen und mutig die notwendigen Schritte hin zu einer neuen Weltordnung zu tun. Diese Willenslähmung hat ihre Wurzel vor allem in einem pessimistischen Menschenbild – in der überzeugung, dass der Mensch von Natur aus ein aggressives und egoistisches Wesen sei. Diese Einstellung ist zugleich das grösste Hindernis auf dem Weg der Völker zu überzeugtem Bemühen um friedliche Lösungen ihrer Interessenkonflikte und Gegensätze. Die Erkenntnis der wahren geistigen Natur des Menschen kann dieses Hindernis überwinden. Daher die grosse Bedeutung der Erziehung in den Bahá’í-Schriften: Unsere Kinder (und uns selbst!) zu vorurteilsfreien, verantwortungsbewussten, positiv eingestellten Menschen und zu Dienern der Menschheit zu erziehen, den Samen des Friedens in ihre Herzen zu säen und sie zu lehren, mit praktischen Füssen den geistitgen Weg zu beschre’ten, sind Ratschläge Bahá’u'lláhs.
Weitere Hindernisse auf dem Weg zu einer Weltgesellschaft sind das Festhalten an selbstherrlichen Vorurteilen der Rasse, Religion, Nation und des Geschlechts und ein übersteigerter Materialismus, der sich in politischen Systemen genauso unheilvoll bemerkbar macht wie in der Überzeugung, das wahre Glück des Menschen liege allein in der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse. Viele der aktuellen Probleme, zum Beispiel die drohende Umwelt- und Klimakatastrophe, sind auf die überbewertung kurzfristigen materiellen Nutzens bei gleichzeitiger Missachtung ethischer und moralischer Werte zurückzuführen. Während sie durch rein äusserliche Massnahmen kaum zu bewältigen sind, wird eine Stärkung der geistigen Kräfte und Bestrebungen des Menschen zu einer neuen Haltung und Bewertung der Dinge führen, wodurch bereits das Entstehen solcher Probleme verhindert wird. Ein weiteres Hindernis ist starres Festhalten an einmal Gewohntem, eine allzu bedächtige Haltung gegenüber den drängenden Erfordernissen dieser kritischen Phase weltweiter Transformation. Menschliche Errungenschaften verlieren, nachdem sie eine Zeitlang von grosser Bedeutung gewesen sind, allmählich an Kraft, ja sie können sogar zum Hemmschuh werden, wo neue Denk- und Handlungsweisen dringend nötig sind.
V. Der Beitrag der Schweiz für eine gemeinsame Zukunft
Als historisch gewachsenes, demokratisches und wohlhabendes Land verfügt die Schweiz über ausgezeichnete Voraussetzungen, um im Prozess der Völkerverständigung und -annäherung bemerkenswerte Beiträge zu leisten, wie etwa im Bereich der sogenannten “guten Dienste” oder als Land, von dem aus zahlreiche internationale Organisationen in Frieden ihren weltumspannenden Tätigkeiten nachgehen können.
lm Gegensatz zur Mehrheit der Völker, welche mit existenzieller Not zu kämpfen haben, hat die Schweizer Bevölkerung mit ihren gut ausgebauten politischen Rechten, ihrem Wohlstand und ihrer Ausbildung reiche Möglichkeiten zum Nachdenken und Handeln, um sowohl ihre eigene Zukunft bewusst zu gestalten, als auch ihren Beitrag zum Wohl der Menschheitsfamilie leisten zu können.
Zwei Elemente könnten sich dabei nach Meinung der Schweizer Bahá’í-Gemeinde als besonders wirksam erweisen: 1. die vermehrte Anerkennung der geistigen Natur des Menschen und die Entwicklung entsprechender Verhaltensweisen im zwischenmenschlichen wie im gesellschaftlichen Bereich; 2. die Orientierung der Schweiz hin zur Integration in ein Weltgemeinwesen und ihr Mitwirken an der Entwicklung neuer globaler Strukturen zur Erfüllung globaler Aufgaben.
Die Schweiz hat sich im letzten Jahrhundert in einem schöpferischen Willensakt vom Staatenbund zum Bundesstaat gewandelt. Sie hat zu einer Einheit zusammengefunden und gleichzeitig ein Instrumentarium geschaffen, um lokale Eigenart zu bewahren. Vor einem vergleichbaren Schritt steht jetzt die ganze Menschheit. Dass die Dynamik dieser einigenden Entwicklung unaufhaltsam ist, spürt die Schweiz in jüngster Zeit deutlich.
Der europäische und letzthin weltweite Integrationsprozess verlangt von der Schweiz jene Bereitschaft zu Toleranz und kreativer Anpassung, welche sich auch bei der Neuordnung der Kompetenzen zwischen Bund und Kantonen zur Bildung des Bundesstaates Schweiz als notwendig und richtig erwiesen hat. Je aktiver und zuversichtlicher sich die Schweiz für das Entstehen einer neuen Weltordnung einsetzt, desto besser wird sie in der Lage sein, ihre Erfahrungen bei der Schaffung globaler föderalistischer Strukturen einzubringen und in der Völkerfamilie den ihr gebührenden Platz einzunehmen.
VI. Vision einer geeinten Welt
Die Bahá’í-Religion betrachtet die gegenwärtige Verwirrung in der Welt und den verhängnisvollen Zustand der menschlichen Belange als eine Phase in einem unaufhaltsamen organischen Prozess hin zur Einigung der Menschheit, zur Formung einer einzigen Gesellschaftsordnung, deren Grenzen die Grenzen dieses Planeten sind.
Die Quelle für den Optimismus, dass die Menschheit zu dieser Ordnung finden wird, ist eine Vision, die über die Abschaffung des Krieges und die Schaffung von Gremien internationaler Zusammenarbeit weit hinausgeht. Es ist unsere tiefe Überzeugung, dass alle Menschen dazu erschaffen sind, .
Die Anerkennung der Einheit der Menschheit ist die erste, grundlegende Voraussetzung für die Neuordnung und rechtliche Gestaltung der Welt als ein Land und Heimat aller Menschen. Die weltweite Anerkennung dieses Grundsatzes ist wesentlich für jeden ernsthaften Versuch, den Weltfrieden zu errichten. Er muss deshalb auf der ganzen Welt proklamiert, in den Schulen gelehrt und in jedem Land beharrlich zur Geltung gebracht werden.
Zu dieser Vorbereitung auf eine neue Gesellschaftsstruktur gehört auch das Ablegen von Vorurteilen und all dessen, was Menschen veranlasst, sich anderen überlegen zu fühlen. Eine gerechte Weltordnung erfordert nichts Geringeres als die Neuordnung und globale Abrüstung der ganzen zivilisierten Welt, einer Welt. die in allen Grundfragen des Lebens zusammengewachsen und doch in den nationalen Eigenarten von unendlicher Vielfalt ist.
Zu einer Weltordnung gehören ein von allen Nationen verabschiedetes internationales Recht, kollektive Sicherheit durch eine internationale Exekutive, ein Weltparlament und ein Weltschiedsgerichtshof. Nationale Politik muss sich an die globalen Notwendigkeiten stufenweise anpassen: durch klar definierte Gesetze oder allgemein anerkannte und durchsetzbare Prinzipien, welche die Beziehungen zwischen den Völkern regeln.
In den Erfahrungen der weltweiten Bahá’í- Gemeinde kann man ein Modell für die wachsende Einheit der Menschheit sehen. Sie ist eine Gemeinschaft von heute fünf Millionen Menschen aus zahlreichen Völkern, Kulturkreisen, Bevölkerungsschichten und Glaubensrichtungen. Sie widmet sich in fast allen Ländern der Welt den geistigen, sozialen und wirtschaftlichen Bedürfnissen der Menschen und repräsentiert als gesellschaftlicher Organismus die Mannigfaltigkeit der Menschheitsfamilie. Dieser lebendige Organismus ist ein überzeugender Beweis für die praktische Anwendbarkeit der Vision Bahá’u'lláhs von einer geeinten Welt, ein Zeugnis auch dafür, dass die Menschheit als globale Gesellschaft leben kann.
Dass dies möglich ist, dass die erforderlichen konstruktiven Kräfte wirklich vorhanden sind, dass vereinende Gesellschaftsstrukturen erreicht werden können, das ist die Aussage, um deren Prüfung wir Sie eindringlich bitten.